Wie sollen Kinder lernen, was wir manchmal selbst nicht schaffen?
Selbstregulation des Medienkonsums ist ein erstrebenswertes Ziel, aber einfach ist es nicht. Denn seien wir ehrlich: Auch uns Erwachsenen fällt es schwer, das Handy aus der Hand zu legen. Doch woher kommt das?

Wunsch nach Ablenkung, Abwechslung, Zerstreuung
Wir werden täglich mit unzähligen Informationen, Medien, Bildern und Botschaften konfrontiert. Wir sind es nicht mehr gewohnt, uns zu langweilen. Haben wir mal nichts zu tun, greifen wir wie automatisch zum Smartphone. Das geht so weit, dass es inzwischen Alltag ist, dass der Fernseher läuft und man gleichzeitig mit dem Handy auf dem Sofa sitzt. Auch für die Prokrastination vor einer unangenehmen Aufgabe bietet das Smartphone die scheinbare Rettung – nur kurz schauen, und schnell sind doch wieder mehrere Minuten vergangen, in denen wir mit der Aufgabe ein gutes Stück vorangekommen wären.
Autopilot und Gewohnheit
Oft schalten wir in den Autopiloten – klicken auf die Nachrichten-App, weil diese neue Benachrichtigungen anzeigt. Aus Gewohnheit schauen wir dann noch nach dem Wetter und unseren Mails, landen auf Social Media und scrollen … und scrollen … und scrollen. Gewohnheiten verbrauchen wenig gedankliche Kapazität, Handlungen werden ganz unbewusst und unreflektiert ausgeführt.
Wunsch nach Neuem
Schauen wir doch mal, was die beste Freundin oder der beste Freund so macht! Oh, Urlaubsbilder, wie schön! Dieser Artikel ist interessant, weiterlesen! Und prompt sind wir im Sog gefangen.
Wunsch nach Belohnung
Ich habe gestern ein Foto hochgeladen – wie viele Likes es wohl schon hat? Nicht nur Likes und positive Kommentare, auch Inhalte selbst können das Gefühl von Belohnung und Bestätigung auslösen. Erhalten wir diese, versucht das Hirn, diese positiven Emotionen häufiger zu erreichen, und wiederholt daher die Handlung. Gleichsam kann allerdings auch ein negativer Kommentar die Laune schnell kippen lassen – und wir suchen nach noch mehr Bestätigung.
Ständige Erreichbarkeit
Wir sind es mittlerweile gewohnt, ständig erreichbar zu sein. Dass uns das nicht gerade gut tut, bestätigen verschiedene Studien. Dennoch: Pingt das Smartphone oder ploppt eine neue Benachrichtigung auf, schauen wir wie automatisch nach – es könnte ja wichtig sein. Gleichzeitig verlernen wir, zu warten. Warum antwortet der oder die andere denn nicht?
App Design
Viele Apps und Websites finanzieren sich aus der Aufmerksamkeit ihrer Nutzerinnen und Nutzer – das heißt aus der Zeit, die diese in der App oder auf der Website verbringen, aus Interaktionen und oft auch aus gesehenen Werbeanzeigen. Daher ist es das Anliegen vieler Anbieter, die Nutzerinnen und Nutzer so lang wie möglich in der Anwendung zu halten. Verstärkt wird das durch die schnelle Verfügbarkeit: Meist sind wir bereits angemeldet und sehen direkt die ersten Inhalte, ohne Zugangsbarrieren überwinden zu müssen.
Social Media Plattformen haben eine besondere Sogwirkung, weil sie viele der oben genannten Prinzipien bewusst einsetzen, um Nutzerinnen und Nutzer für die Plattform zu gewinnen, anzubinden und – mit möglichst langer Nutzungsdauer – zu halten. Umso wichtiger ist es, mit Kindern explizit ehrlich und kritisch über das Thema Social Media zu sprechen und die Nutzung, wenn überhaupt, nur gut kontrolliert und in Begleitung von Erwachsenen zu erlauben.
Wir bereiten dazu aktuell einen weiteren Artikel auf dem Grundschul-Blog vor.

Medienkonsum vs. Mediennutzung
Mediennutzung, Medienkonsum, Medienbildung, Medienkompetenz. Immer wieder wird der Medieneinsatz an Schulen heiß diskutiert, so auch aktuell. Dabei ist klar: Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken und auch Kinder kommen unweigerlich damit in Berührung.
Umso wichtiger ist es, den Kindern Hilfsmittel an die Hand zu geben, wie sie reflektiert und bewusst mit Medien umgehen können. Dieses Hilfsmittel ist die Medienkompetenz. Sie wird im Gesamtrahmen der Medienbildung vermittelt. Hierbei unterstützen wir euch in den kommenden Wochen. Seid gespannt auf viele Serviceangebote, Hilfestellungen, Informationen und Materialien!
Wichtig ist es, ganz zuerst zwischen (passivem) Medienkonsum und (aktiver) Mediennutzung klar zu unterscheiden.
In vielen Bundesländern gibt es Medienkompetenzrahmen oder ähnliche Angebote, auch die KMK bietet eine Übersicht der Kompetenzen in der digitalen Welt an. Der Fokus liegt hierbei vor allem auf dem aktiven Umgang mit Medien: Dem Suchen, Verarbeiten und Nutzen, dem Auswerten und Interagieren, dem aktiven Teilnehmen an der Gesellschaft, dem Produzieren und Präsentieren, dem sicheren Agieren und reflektierten Bewerten, dem Problemlösen und Einsatz von Medien als Werkzeuge. Und genau darauf sollte der Fokus in Schule und Elternhaus liegen: Auf dem aktiven Umgang mit Medien in all seinen Facetten (= Mediennutzung), und damit weniger auf dem passiven Konsumieren, dem „Berieseln lassen“, dem immer-weiter-Scrollen (= Medienkonsum). Medienkonsum selbst sollte begrenzt, reguliert und kontrolliert passieren, während reflektierte und nutzbringende Mediennutzung ein wertvolles Werkzeug darstellen kann.
Selbstregulation und bewusstes Handeln
Den Versuchungen des Medienkonsums zu widerstehen, fällt nicht immer leicht – und muss auch nicht immer sein. Manchmal ist es auch schön, einen gemütlichen Abend mit einer guten Serie zu verbringen. Aber der Medienkonsum sollte nicht überhandnehmen oder gar in einer Sucht ausarten. Ein zu früher, zu häufiger und insbesondere unkontrollierter/falscher Gebrauch bzw. Konsum digitaler Medien bei Kindern und Jugendlichen kann sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit, zwischenmenschliche Interaktionen sowie auch die Konzentration auswirken. Hier helfen Kindern vor allem Regeln, Gespräche und eine gute Begleitung durch Eltern und Lehrkräfte, aber auch die bereits angesprochene Selbstregulation. Selbstregulation kann als Gegenspieler des Autopiloten gesehen werden: Hierfür braucht es aktives Denken und Handeln, Disziplin und bewusste Entscheidungen – kurzum gedankliche Kapazität. Wäre es deshalb sinnvoller, auf digitale Medien und Endgeräte ganz zu verzichten? Nein, denn diese werden, wie bereits beschrieben, zunehmend wichtiger für den Schul- und Lebensalltag. Daher ist es umso wichtiger, den richtigen Umgang mit digitalen Medien zu lernen, Medienkompetenz aufzubauen und eben auch Selbstregulation zu trainieren.
Die Fähigkeit zu Selbstregulation im Kindheitsalter – nicht nur in Bezug auf digitale Medien – kann zu deutlichen Verbesserungen im Erwachsenenalter führen: So bewiesen beispielsweise Mischel et al. in ihrem Marshmallow-Experiment und Folgestudien, dass Kinder mit guter Selbstbeherrschung eine bessere Schul- oder Berufslaufbahn, stärkere soziale Beziehungen, weniger Tendenz zu kriminellen Aktivitäten sowie auch eine bessere Gesundheit und einen vernünftigeren Umgang mit Geld aufzeigten. Die Auswirkungen sind also nicht nur im Medienkonsum spürbar.
Digitale Medien und Selbstregulation – gar nicht so einfach, aber möglich!
Digitale Medien nehmen verschiedene Rollen ein: Sie sind …
- Arbeitsinstrument
- Unterhaltung
- Kommunikationsmittel
Und als solche müssen wir und auch die Kinder sie differenziert betrachten können. Warum wir? Wir, weil sich die Lernenden an Erwachsenen orientieren. Somit haben sowohl Lehrkräfte als auch Elternteile eine ganz starke Vorbildrolle und damit Verantwortung.

Was es braucht, um selbstreguliert Medien nutzen zu können:
- Achtsamkeit und bewusstes Beobachten: Wie viel Zeit verbringe ich, verbringt das Kind am Bildschirm? Wie sinnvoll ist diese Zeit genutzt?
- Genügend Aufmerksamkeit: Ist man müde, fällt die aktive Entscheidung gegen das Smartphone schwer, man verbleibt eher im Sog.
- Frustrationstoleranz, gesunde Stressverarbeitung: Welche Wege kenne ich (außer der Ablenkung durch Medien), mit der aktuell unangenehmen Situation umzugehen?
- Intrinsische Motivation statt Bestätigung von außen: Wenn ich etwas gut gemacht habe, kann ich stolz auf mich sein! Ich muss es nicht zwingend teilen und schauen, wie andere es finden.
- Impulskontrolle: Ich würde gerade gern nach den neuesten Kommentaren unter einem Posting schauen, habe aber gerade eine wichtigere Aufgabe und arbeite an dieser weiter.
- Vorbilder und gemeinschaftliche Ziele: Vieles fällt leichter, wenn man es gemeinsam tut – so auch das Trainieren der Selbstregulation. Wie oben erwähnt haben Eltern und Lehrkräfte eine starke Vorbildfunktion für die Kinder. Ist man beispielsweise gemeinsam im Wald, kann der Fokus auf das gemeinsame Erleben und bewusste Wahrnehmen kleiner Details gelegt werden, statt (überspitzt gesagt) alles wahllos zu fotografieren und dann 50 ähnliche, aber wenig aussagekräftige Bilder und kaum Erinnerungen an den Ausflug selbst zu haben.
- Bewusstsein für Realität und Risiko: Wie werde ich mich morgen im Test fühlen, wenn ich jetzt, statt zu lernen, am Smartphone sitze?
Medienkonsum und Mediennutzung steuern: Gemeinsam spielerisch, aber konsequent Regeln aufstellen!
Und nun? Wie können unsere Grundschulkinder (und wir selbst) zu einer besseren Selbstregulation im Medienkonsum kommen? Die Antwort lautet: Gemeinsam, mit Regeln, und am besten spielerisch. Hier haben wir einige Ansätze für euch gesammelt:

Kritisch hinterfragen
Stellt euch mit eurer Klasse Fragen wie: Wozu nutzen wir das Endgerät, welche Medien konsumieren wir darauf? Wozu möchten wir es nutzen, welche Medien möchten wir konsumieren? Wie können wir das realisieren? Beispielsweise kann die Nutzungsdauer verschiedener Apps über die Einstellungen reguliert, die automatische Anmeldung im Account ausgeschaltet und somit künstlich eine Zugangsbarriere geschaffen oder die App ganz vom Gerät gelöscht werden. Auch gibt es – vor allem für den Medienkonsum zuhause – technische Hilfsmittel wie beispielsweise eigene Apps, die das Smartphone oder Tablet der Kinder sperren, wenn die vereinbarte Zeit in einer bestimmten App oder die Gesamtbildschirmzeit für diesen Tag erreicht wurde. Auch sollte reflektiert werden: Wie viel Zeit wurde am Bildschirm verbracht, was wurde konsumiert, was aktiv genutzt? Hat mich das weitergebracht oder war es (überspitzt gesagt) verschenkte Zeit? Was nehme ich daraus mit?
Regeln aufstellen und einhalten
Medien bitte nicht verbieten, sondern bewusst einsetzen und nutzen. Wichtig sind die Akzeptanz und das Verständnis der Kinder gegenüber den (gemeinsam) getroffenen Entscheidungen. Engt man sie zu sehr ein, kann das dazu führen, dass der Medienkonsum umso spannender und verlockender wird. So kann beispielsweise ein Tages- oder Wochenkontingent an Bildschirmzeit vereinbart werden, das nicht überschritten werden sollte. Auch sollte darüber gesprochen und vereinbart werden, wie und womit diese Zeit verbracht wird. Hierbei kann ein Mediennutzungsvertrag unterstützen. Die gesetzten Regeln sollten regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.
Vorbild sein
Sprecht gemeinsam über Medienkonsum und Mediennutzung und zeigt, dass man sich selbst an das hält, was man von den Kindern erwartet. Wenn wir die Kinder ermahnen, wenn sie sich nicht an die Regeln halten, sollten wir sie ermutigen, uns ebenfalls darauf hinzuweisen, wenn wir gegen Regeln verstoßen. Gleiches gilt in der Klasse selbst: Die Kinder übernehmen Verantwortung und sollen sich auch aktiv gegenseitig beim Training unterstützen – hinweisend, nicht anklagend.
Konsequenzen setzen und konsequent bleiben
Wenn ihr mit eurer Klasse Regeln zu Medienkonsum und Mediennutzung aufstellt, sprecht auch über mögliche Folgen bei einem Verstoß gegen diese Regeln. Es kann Ausnahmen geben, wie eine gemeinsame Stunde, um eine Social Media Plattform gemeinsam kennenzulernen und zusammen über Nutzen und Gefahren zu sprechen, oder eine Stunde, in der den Grundschülerinnen und Grundschülern innerhalb einer altersgerechten Umgebung und unter bestimmten Rahmenbedingungen freigestellt wird, digitale Medien zur Unterhaltung zu nutzen.
Bewusst den Rahmen festlegen
Besprecht mit eurer Klasse, warum und wofür genau digitale Medien eingesetzt werden sollen. Das kann zum Beispiel so aussehen: „Im Unterricht setzen wir das Tablet nun ein, um folgende Aufgabe … zu lösen. Das Tablet und die Medien darauf dienen uns in dem Fall nicht zur Unterhaltung, sondern als Arbeits- oder Kommunikationsmittel. Wir begrenzen die Zeit auf … Minuten.“
Ausprobieren lassen
Digitale Medien sind wichtige Werkzeuge, um sich auszuprobieren, kreativ zu werden, ein aktives Mitglied unserer Gesellschaft zu sein. Sie sollten somit nicht verboten oder zu streng reguliert werden – besonders im Schulkontext gibt es so viel, was die Schülerinnen und Schüler mit digitalen Medien erreichen können! Außerdem akzeptieren Kinder (und auch wir selbst) die gesetzten Regeln eher, wenn verstanden wurde, was guttut und was nicht.
Die Kinder begleiten
Gerade bei jüngeren Kindern hilft es, wenn Mediennutzung und -konsum nicht im Alleingang, sondern begleitet, also im Beisein und gern auch gemeinsam mit Erwachsenen geschieht. Dies gilt vor allem für den Medienkonsum zuhause – so behalten die Eltern den Überblick darüber, was die Kinder konsumieren, können Fragen beantworten oder zur Not einschreiten und machen vielleicht sogar ganz neue Entdeckungen hinsichtlich des Mediennutzungsverhaltens ihres Kindes. Gemeinsam kann über das Gesehene gesprochen, auf Wichtiges hingewiesen und so nach und nach gemeinsam die Welt der digitalen Medien entdeckt werden.
Weiterdenken und inspirieren lassen
Fragt aktiv nach, was die Kinder konsumieren. Denn wenn ihr das wisst, kann aktiv darauf aufgebaut werden – beispielsweise durch das Ausdenken eigener Abenteuer für die beobachteten Serienfiguren, das Nachbasteln eines Projektes aus einem Video oder ähnlichem.
Alternativen anbieten
Den Wunsch nach Ablenkung, Neuem und Belohnung können auch andere Aktivitäten erfüllen. In der Schule kann das beispielsweise durch Motivationssticker und Lob passieren – ähnlich analogen Likes. Oder wie wäre es beispielsweise, wenn die Stunde Tablet-Zeit zuhause gegen einen gemeinsamen Besuch in der Eisdiele eingetauscht wird? Oder statt dem Film am Abend gibt es heute einen Ausflug in den Buchladen, wo das Kind sich ein neues Buch aussuchen darf, das abends gemeinsam gelesen wird?
Vertrauensbasis und Offenheit
Mit der Nutzung des Internets sowie digitaler Medien können die Kinder auch mit belastenden Themen wie Cybermobbing, Hassrede und Sexting in Verbindung kommen. Sprecht mit eurer Klasse, aber auch mit den Eltern darüber und sensibilisiert alle Beteiligten. Die Kinder müssen wissen, wie sie sich verhalten müssen, damit so etwas nicht passiert, und an wen sie sich wenden können und müssen, falls einer dieser Fälle doch eintreten sollte.

Unter diesen Rahmenbedingungen und vor allem dank des Austausches über das Thema sind die Schülerinnen und Schüler nicht nur sicher im Internet unterwegs, sondern lernen auch, wie sie Medien reflektiert einsetzen. Mit ein bisschen Training können so die Grundlagen für funktionierende Selbstregulierung gelegt werden.
Wertvolle Links zu weiterführenden Informationen für Lehrkräfte und Eltern sowie zu kindgerechten Suchmaschinen und Websites findet ihr übersichtlich zusammengestellt auf der Seite der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz.







Wir haben nach langem Hin und Her nun auch unserer Tochter ein iPad gekauft. Erstmal ein gebrauchtes, um zu sehen, wie sie damit umgeht und klarkommt. Es gibt mittlerweile ja wirklich eine große Auswahl an Lernmaterialien, die auch mit spielerischen Aspekten arbeiten und es so für die Kids mehr Spaß macht. Wir achten aber trotzdem stark darauf, dass die Zeit am Tablet keine Überhand nimmt. Danke für eure Tipps!