Grundschul-Blog
Gemeinsam Unterricht gestalten

Gleich ist nicht gerecht – Individuelle Förderung im inklusiven Unterricht

Individuelle Förderung wird im Schulalltag oft als ungerecht wahrgenommen – von Kindern, Eltern und manchmal auch von uns selbst. Doch ist Gleichbehandlung wirklich gerecht?
Dieser Beitrag zeigt anhand eines einfachen Experiments und konkreter Praxisbeispiele, warum echte Gerechtigkeit im inklusiven Unterricht anders aussieht – und welche Rolle wir als Lehrkräfte dabei spielen.

„Das ist ungerecht!“

Dieser Satz fällt – wie so oft – mitten im Unterricht. Ein Kind bekommt anderes Material, ein anderes darf länger an einer Aufgabe arbeiten und wieder ein anderes steht auf und braucht eine Bewegungspause. Und sofort ist sie da, die Frage: Warum darf der das und ich nicht?

Diese Situationen sind uns sicherlich allen vertraut, sei es aus Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern, aus Rückmeldungen von Eltern und manchmal auch aus den eigenen Überlegungen. Denn wenn wir ehrlich sind, gibt es Momente, in denen wir innehalten und uns fragen, ob unser Handeln wirklich gerecht ist.

Besonders im inklusiven Unterricht begegnet uns diese Frage immer wieder – immer dann, wenn Kinder unterschiedliche Bedürfnisse haben und wir darauf reagieren. Genau hier liegt die zentrale Herausforderung: Gleichbehandlung fühlt sich zunächst richtig an, aber ist sie das wirklich?

wuetendes Kind in rotem Pulli

Gleichbehandlung ist nicht gleich Gerechtigkeit

Vielleicht kennst du bereits das Bild mit den drei Kindern am Zaun. Alle drei möchten ein Spiel anschauen. Ihr Ziel ist also die Teilhabe an diesem Spiel. Doch leider steht vor ihnen ein Zaun, der ihnen die Sicht versperrt. Alle drei Kinder stehen auf einer Kiste, um über den Zaun zu schauen. Alle erhalten also die gleiche Unterstützung. Das klingt im ersten Moment gerecht, oder? Ist es aber nicht. Denn: Die Kinder sind unterschiedlich groß. Sie haben also unterschiedliche Voraussetzungen. Und genau dadurch wird aus „gleich“ ziemlich schnell „ungerecht“.

Gleich ist nicht gerecht - drei verschieden große Kinder stehen alle auf jeweils einer Kiste, nur zwei von ihnen können so über den Zaun schauen

Gerechtigkeit entsteht in dem Moment, in dem die individuellen Voraussetzungen der Kinder berücksichtigt werden.
Wenn wir bei dem Bild bleiben, würde das bedeuten: Erst wenn die Kisten unterschiedlich verteilt werden, entsteht echte Gerechtigkeit. Die Hilfen sind nun zwar ungleich verteilt, aber genau das schafft Gerechtigkeit. Nicht alle Kinder bekommen das Gleiche – aber alle erhalten das, was sie brauchen, um teilhaben zu können. Um also das Ziel zu erreichen. Und genau das ist der Kern von inklusivem Unterricht.

Gleich ist nicht gerecht - verschieden große Kinder stehen auf Kisten, um über den Zaun zu schauen

Ein kleines Experiment – große Wirkung

Ich habe zu diesem Thema in verschiedenen Klassen ein kleines soziales Experiment durchgeführt.

Vorne im Klassenraum wurde eine Decke hochgehalten, sodass nur eine Hälfte der Kinder die Tafel sehen konnte und die andere Hälfte nicht. Danach habe ich den Kindern eine Aufgabe gestellt und betont, dass alle die gleiche Aufgabe erhalten, damit es gerecht ist. Ich malte ein Herz an die Tafel und die Aufgabe lautete: „Was habe ich an die Tafel gemalt?“

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die eine Hälfte der Klasse meldete sich sofort. Die anderen schauten irritiert und wurden schnell ungehalten: „Das ist unfair! Wir sehen ja nichts!“

Kreideherz an Tafel
nachdenklich und interessiert guckendes Kind

Und genau darum ging es. Die Aufgabe war für alle gleich, aber die Voraussetzungen nicht.

Gemeinsam gingen wir auf Lösungssuche. Der „Zaun“ – in unserem Fall die Decke – war in dem Experiment unveränderlich. Schnell standen (fast) alle Kinder auf den Tischen – interessanterweise auch diejenigen, die bereits im Sitzen die Tafel sehen konnten.

Nachdem sich die Kinder wieder auf die Position zurückbegaben, von der aus sie am besten sehen konnten, ergab sich ein sehr gemischtes Bild: Manche saßen, andere standen an ihrem Platz und wieder andere auf ihrem Stuhl oder Tisch.

In diesem Moment wurde deutlich, dass jedes Kind etwas anderes braucht, um erfolgreich am Unterricht teilhaben zu können – und dass nicht jede Unterstützung für jedes Kind notwendig ist.

Der „Zaun“ und die „Kisten“ im Schulalltag

Was beeiflusst die Teilhabe am Unterricht? "Zäune" im Schulalltag

Im Anschluss an das Experiment, habe ich mit den Kindern überlegt, wofür der „Zaun“ im Schulalltag stehen könnte – also für all das, was das Lernen erschwert.

Dabei kam eine ganze Reihe von Aspekten zusammen: sprachliche Voraussetzungen, Konzentration, Angst, Erfahrungen von Ausgrenzung, unterschiedliche Lerntempi, körperliche Voraussetzungen oder auch die Unterstützung von zu Hause. Es wurde deutlich, wie vielfältig die Faktoren sind, die Teilhabe beeinflussen können – und dass jedes Kind solche „Zäune“ kennt, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.

Was erleichtert die Teilhabe am Unterricht? "Kisten" im Schulalltag

Auf diesen Aspekten aufbauend haben wir uns der nächsten Frage gewidmet: Was sind eigentlich unsere „Kisten“ – also all das, was beim Lernen unterstützt?

Auch hier hatten die Kinder viele konkrete Ideen. Sie nannten unterschiedliche Materialien, individuelle Erklärungen, Förderangebote, den Sitzplatz, Bewegung oder Pausen sowie verschiedene Hilfsmittel. Daraus ging hervor, dass Unterstützung bei jedem Kind unterschiedlich wirkt.

Ein zentraler Gedanke, der sich durch die Gespräche in allen Klassen zog, war dabei besonders maßgebend: Nicht jede Unterstützung hilft jedem Kind – und nicht jedes Kind braucht jede Unterstützung.

Transparenz macht den Unterschied

Individuelle Förderung bedeutet also, genau hinzuschauen: Was braucht dieses Kind, um lernen und am Unterricht teilhaben zu können?

Gerade im inklusiven Unterricht kann das jedoch schnell von anderen Kindern als ungerecht wahrgenommen werden. Wenn ein Kind zusätzliche Unterstützung erhält, wirkt das zunächst wie eine Bevorzugung. Gleichzeitig kann es auch vorkommen, dass sich individuelle Förderung für das betroffene Kind selbst wie eine Benachteiligung oder Schwäche anfühlt – besonders dann, wenn der Wunsch besteht, genauso wie die anderen zu lernen.

Umso wichtiger ist es, über diese Unterschiede ins Gespräch zu kommen und sie wertschätzend und ohne Wertung zu erklären. Denn nur durch Transparenz kann Verständnis entstehen.

Ich erinnere mich an eine erste Klasse, in der ein Kind zunächst fast ausschließlich spielen durfte. Es war emotional belastet und noch nicht bereit für schulisches Lernen. Die anderen Kinder empfanden das als unfair. Die Klassenlehrerin nahm sich daraufhin die Zeit, die Situation zu erklären: Dieses Kind müsse erst lernen zu spielen, weil es diese Erfahrung noch nicht gemacht hatte – und dies aber eine wichtige Grundlage für späteres Lernen ist. Einige Tage später gelang es dem Kind, sich für kurze Zeit auf eine Aufgabe einzulassen. Die gleichen Kinder kamen danach wieder zur Klassenlehrerin und sagten: „Du hattest recht. Er musste erst spielen und jetzt konnte er lernen!“

Dieses Beispiel zeigt sehr gut, was Transparenz bewirken kann. Unterstützung ohne Erklärung wirkt schnell wie Bevorzugung oder Benachteiligung. Unterstützung mit Erklärung wird dagegen nachvollziehbar und kann zu einem angemessenen Gerechtigkeitsempfinden beitragen.

Kind spielt mit Bauklötzen

Und wie finde ich die passenden „Kisten“?

Im Schulalltag stellt sich immer wieder die eine Frage: Welche Unterstützung passt zu welchem Kind?

Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Vieles entsteht im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, in Fallbesprechungen oder durch eigene Erfahrungen im Unterricht. Oft sind es genau diese Gespräche, die neue Perspektiven eröffnen und konkrete Ideen hervorbringen.

Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig es ist, mögliche Fördermaßnahmen nicht nur „im Kopf“ zu haben, sondern sie bewusst zu sammeln, zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Denn individuelle Förderung bedeutet immer auch, auszuprobieren, anzupassen und neu zu denken.

Aus diesem Bedarf heraus sind in der Praxis Materialien und Werkzeuge entstanden, die Lehrkräfte dabei unterstützen können, passende Maßnahmen zu finden und sichtbar zu machen. Dazu zählen beispielsweise digitale Unterstützungsangebote wie der Lernentwicklungsassistent. Dieser ist aus der Erfahrung heraus entstanden, dass genau bei dieser Frage oft Unsicherheit entsteht: Welche „Kisten“ passen eigentlich zu welchem Ziel? Er bietet als Antwort konkrete Förderideen und kann dabei helfen, passende Unterstützungsmaßnahmen gezielter auszuwählen.

Entscheidend bleibt dabei jedoch die Haltung: Förderplanung ist kein bürokratischer Akt, sondern ein zentrales pädagogisches Werkzeug. Sie macht sichtbar, was ein Kind braucht, und hilft dabei, Maßnahmen gezielt einzusetzen und weiterzuentwickeln.

Denn was bei einem Kind gut funktioniert, kann beim nächsten wirkungslos bleiben.

gelbe Kiste

Inklusion weitergedacht:
Warum steht da überhaupt ein Zaun?

Wenn wir noch einmal auf das Experiment aus dem Unterricht zurückblicken, dann wird deutlich: Es war bewusst vereinfacht. Der „Zaun“ war dort unveränderlich und stand stellvertretend für alles, was Teilhabe erschwert. Für Kinder ist eine solche Vereinfachung hilfreich, um Zusammenhänge zu verstehen. Für uns als Pädagoginnen und Pädagogen reicht sie jedoch nicht aus, denn in der Praxis müssen wir genauer differenzieren.

Zum einen geht es um die individuellen Voraussetzungen der Kinder – also das, was im Kind selbst liegt: etwa Lerntempo, Sprache, Konzentration oder emotionale Stabilität. Zum anderen spielen die systemischen Voraussetzungen eine entscheidende Rolle. Und hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Das System – das sind wir. Das sind unsere Strukturen, unsere Zeitmodelle, unsere Formen der Leistungsbewertung und unsere Erwartungen.

Es reicht nicht aus zu fragen: „Welches Kind braucht eine Kiste?“ Denn wenn wir ehrlich sind, wollen wir doch nicht, dass die Kinder dauerhaft auf „Kisten“ angewiesen sind, um teilhaben zu können. Wir müssen also auch fragen: „Wo können wir den Zaun hinterfragen? Wo können wir Unterricht öffnen? Wo ermöglichen wir unterschiedliche Zugänge und Lernwege? Und wo halten wir vielleicht noch an Strukturen fest, die für alle gleich gedacht sind, aber nicht für alle passen?“

Diese Fragen sind nicht immer einfach zu beantworten und oft entstehen dabei auch berechtigte „Abers“. Es lohnt sich trotzdem, sie zu stellen – denn genau an dieser Stelle beginnt die Weiterentwicklung von Unterricht und Schule. Wir müssen beginnen Heterogenität systematisch mitzudenken, um nicht nur „Kisten“ zu verteilen, sondern die „Zäune“, also unser System, zu hinterfragen.

Inklusion beginnt im Kopf

Genau hier setzt Inklusion im Alltag an. Wenn wir Heterogenität systematisch mitdenken, verändert sich auch unser Blick auf konkrete Unterrichtssituationen.

Das zeigt sich zum Beispiel bei der Frage nach Materialien: Nutze ich Differenzierung als zusätzliche „Kiste“ für einzelne Kinder? Oder ist es von Anfang an selbstverständlich, dass alle auf unterschiedlichen Niveaus arbeiten und lernen?
Ein weiteres Beispiel betrifft die Leistungsbewertung: Müssen wirklich alle Kinder zur gleichen Zeit die gleichen Anforderungen erfüllen? Oder können wir auch hier flexibler werden und unterschiedliche Wege zulassen, um Leistung zu zeigen?
Und auch unsere Zeitstrukturen verdienen einen genaueren Blick: Müssen alle Kinder gleichzeitig arbeiten und gleichzeitig Pause machen? Oder gibt es Möglichkeiten, Unterricht durch offene Arbeitsphasen und flexible Pausen anders zu gestalten?

Diese drei Gedanken sind dabei nur ein kleiner Ausschnitt von vielen möglichen Ansatzpunkten, an denen wir weiterdenken können. Ich merke das auch bei mir selbst: Wie oft stehe ich gedanklich vor einem „Zaun“ und nehme ihn als gegeben hin. Manchmal stimmt das auch, aber manchmal eben nicht. Und genau aus diesem Grund beginnt die Inklusion im Kopf. Individuell zu fördern bedeutet deshalb nicht nur, passende „Kisten“ zu finden und gerecht zu verteilen. Es bedeutet auch, den „Zaun“ in den Blick zu nehmen, ihn zu hinterfragen und dort, wo es möglich ist, zu verändern.

Alle gleich ist einfach – gerecht ist anspruchsvoll. Aber gerecht ist das, was Kinder brauchen, um lernen und teilhaben zu können.

Illustration eines Klassenzimmers
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Über die Autorin

Danja Kreuter

Berufliche Tätigkeit: Sonderpädagogin in der Grundschule Was mir privat Spaß macht: Zeit mit meiner Familie zu verbringen und kreativ zu sein

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Ein Kommentar

  1. Ihne,Eke 17. Juni 2026 um 7:07 Uhr - Antworten

    Sehr gut und praxisnah geschrieben.

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