Grundschul-Blog
Gemeinsam Unterricht gestalten

Lesungen im Klassenzimmer – Tizian geht durch die Wand

Die dritte Klassenlektüre „Tizian geht durch die Wand“ zeichnet sich durch eine Kombination von Deutsch- und Kunstunterricht „der besonderen Art“ aus. Seid gespannt!

Welche Art Museum kennen die Kinder?

Zu Beginn der Lesung frage ich die Kinder, wer schon einmal in einem Museum war. Die Erfahrungen der Kinder sind in jeder Klasse sehr unterschiedlich:

Vom Bienen- zum Edelsteinmuseum, vom Dinosaurier- zum Eisenbahnmuseum, ob in Deutschland, Holland oder Amerika – alles wird aufgezählt. Selten berichtet ein Kind von einem Kunstmuseum.


Was ist eine Sammlung?

Danach erkläre ich, dass ein Museum eigentlich eine Sammlung  ist von Dingen, die Menschen zusammengetragen haben. Nun frage ich weiter, was die Kinder so alles sammeln. Auch da ist kein Ende abzusehen, was sie alles hüten: besondere Steine, Briefmarken, Armbänder, Autobilder, Muscheln und vieles mehr.

„Eigentlich könnte jeder von euch seine Sammlung einmal ausstellen. Wie in einem Museum. In einem Schuhkarton zum Beispiel oder auf einem Tablett, oder wie ich mit meinem Koffer!“


Jeder kann ein eigenes Museum haben oder: Der rote Koffer

In diesem Moment bringe ich meinen kleinen roten Koffer ins Spiel und lasse die Kinder raten, was darin sein könnte. Sie heben ihn hoch, schütteln ihn und stellen allerlei Vermutungen an.

In dem Koffer sind Bilder berühmter Maler und Bildhauer als Postkarten oder ausgeschnitten aus Zeitschriften. Meistens tippen die Kinder jedoch auf Bücher. Ich zeige ihnen den Inhalt und lasse jeden leihweise ein Bild auswählen, das ihnen gefällt oder gerade gut zu ihnen passt.

Schließlich stelle ich Ihnen die Frage, was wohl in einem „Museum der Vergesslichkeit“ ausgestellt sein könnte? Dieses Museum existiert wirklich in einem Freizeitpark, wo alle liegen gebliebenen Dinge von den Besuchern ausgestellt sind.

Jetzt ist es Zeit zum Buch zu kommen und von Tizian vorzulesen, der durch die Wand ging.


Tizian kann in Gemälden verschwinden

Tizians Mutter ist gestorben, deshalb muss er immer nach dem Unterricht zu seinem Vater gehen, damit er nicht alleine zu Hause ist. Tizians Vater ist Wärter in einem Kunstmuseum. Seine Hausaufgaben macht Tizian immer zwischen  Besuchersitzbänken und Gemälden.

Eines Tages, als ihm zu einem Hausaufsatz gar nichts einfällt, entdeckt er seine Fähigkeit in einem Gemälde zu verschwinden und darin ein großes Abenteuer zu erleben.

Als er daraufhin einen fantastischen Aufsatz schreibt, bekommt er Ärger mit Kevin, des bisher der erfolgreichste Aufsatzschreiber war. Franka steht dem schüchternen Tizian bei und darf mit ihm in dem Bild „Himmelblau“ von Wassily Kandinsky verschwinden.

Die Stimmung in der Klasse spitzt sich immer mehr zu, bis es Tizian gelingt, die ganze Klasse auf ein Abenteuer ins Museum mitzunehmen.


Ein Textbeispiel, wie Tizian und Franka ins Kandinsky-Bild „Himmelblau“ fliegen

Franka fühlte sich auf einmal leicht als würde sie nicht auf der Bank sitzen, sondern über ihr schweben. „Tizian!“ schrie sie atemlos, „wir flieeeegen! Mitten in den Himmel!“

Ein leichter Fahrtwind strich durch ihre Haare. Beide schienen in dem unendlichen Blau zu verschwinden.
„Ich glaube, wir sind im Weltraum, ich kann die Erde kaum noch sehen!!“ brüllte Tizian gegen das Rauschen des Windes. Es gab kein Unten und kein Oben mehr.

„Schau, was da kommt!“ schrie Franka. „Das kann kein Flugzeug sein und auch kein Vogel!“

„Es sieht aus wie ein Raumfahrzeug aus einem Karussell“, meinte Tizian.

Sie ruderten mit den Armen und wurden dabei langsamer. Nun schwebten sie auf gleicher Höhe mit dem zierlichen bunten Fahrzeug. Niemand saß darin. Es wurde von der Luft getragen so wie sie auch. Mit einem Mal tauchten noch andere schwebende Fahrzeuge auf. „Schwebzeuge“ nannte Franka sie lachend, denn von „Fahren“ konnte man bei den schwerelosen Objekten ja nicht sprechen.

„Das sieht fast wie eine Qualle aus!“
„Und das wie ein Hecht mit Beinen!“
„Vielleicht sind wir im Wasser?“
„Aber wir fliegen doch!“…
Auf einmal zogen von allen Seiten graue Wolken auf. Franka fröstelte. „Müssen wir nicht langsam wieder zurück? Ich sehe unsere Erde gar nicht mehr!“
„So einfach wie wir fortgeflogen sind, so kommen wir auch wieder zurück!“ Tizians Stimme klang fest, ganz anders als in der Schule. Gerade als sie den Rückweg antreten wollten, hörten sie ein klares scharfes Stimmchen. Es kam aus dem hellgrünen Kopf mit den bunten Punkten. Das Wesen schien seinen Kopf aus dem Rumpf herauszuschrauben. Rot glühende Antennen stülpten sich aus seiner Stirn.

„Haltet euch fest!“ Die Stimme klang metallisch wie aus einem Lautsprecher. „Ich habe gerade die Quords geortet. Es wird gleich einen Angriff geben, und es wäre besser, wir würden ihnen vorher entkommen!“

Franka bekam eine Gänsehaut und fing an zu zittern. Sie klammerte sich krampfhaft an das Fluginsekt. Der Himmel wurde immer dunkler…

Auszug aus Tizian geht durch die Wand, Bettina Rinderle

Bekanntschaften mit Werken …

So ganz nebenbei lernen die Leserinnen und Leser Werke von Klee: „Sindbad der Seefahrer“, Magritte: „Das Pyrenäenschloss““, Breughel: „Kinderspiele“, Goya: „Der Hund“, Kandinsky „Himmelblau“ und Rousseau: „Urwaldlandschaft mit untergehender Sonne“ kennen und können selber im Interview mit den Malern noch einiges mehr erfahren…

Lesungen im Klassenzimmer Tizian geht durch die Wand Deutsch und Kunstunterricht in der Grundschule

… und ihren Malern schließen

Beispiel eines Interviews

Tim: „Guten Tag, Herr Magritte. Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen zu Ihrem Malen und Leben stellen? Wir hoffen, Sie verstehen Deutsch, denn Sie wurden ja 1898 in Belgien geboren? (Herr Magritte lacht und nickt) Sie haben etwas gemalt, was es gibt und aber doch nicht gibt: einen Felsbrocken, der fliegt?“

Magritte; „Ich möchte die Wirklichkeit, also unseren Alltag verlassen und das Geheimnis der Dinge aufspüren und dann auch malen.“

Mila: Eigentlich malen Sie doch sehr genau, wie die Dinge wirklich aussehen, fast wie auf einem Foto! Aber was dann geschieht auf dem Bild, dass der Felsen fliegt, ist doch nicht normal, das kann ja nicht wirklich sein!“

Magritte: „Ich möchte dem, was uns vertraut ist, etwas Unerwartetes geben, womit niemand rechnet, da wird es richtig geheimnisvoll.“

Das (hier gekürzte) Interview – und die Interviews mit allen anderen Malern auch – können die Kinder in verteilten Rollen lesen!

Tim: „Jeder Maler hat doch einen Malstil. Sind Sie dann ein Traum-Maler?“

Magritte: „Eigentlich nicht. Man nennt mich einen ‚Surrealisten’, das kommt von „sur = über“ und „real = wirklich“. Ich male nicht die Wirklichkeit, sondern gehe über sie hinaus.“

Mila: „Haben Sie Malerei studiert an einer Akademie für Künstler?“

Magritte: „Ja, zuerst in Brüssel, dann ging ich nach Paris.“

Tim: „Sie haben es geschafft ein berühmter Künstler zu werden. Wir haben noch ein Bild von Ihnen gesehen, da haben Sie eine Pfeife gemalt und darunter geschrieben: ‚Das ist keine Pfeife!‘ Warum?“

Magritte: „Es wäre doch gelogen zu sagen, es ist eine Pfeife. Wo es ja nur das Bild einer Pfeife ist. Damit kann ich doch nicht rauchen!“


Weitere Aktivitäten zum Buch

Selbstverständlich können die Kinder nun auch selber Bilder malen, entweder nach den berühmten Vorlagen im Buch oder nach anderen Anregungen, die in den Arbeitsblättern zum Buch zu finden sind – drei davon stehen zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Zum Schluss möchte ich noch auf einen Song hinweisen, den ich meistens  mit den Schulkindern singe: „Lesen heißt auf Wolken liegen“ von Christa Zeuch.

Ich hoffe, ich konnte euch Lust aufs Lesen nicht nur meiner drei Bücher machen. Bleibt mit eurer Klasse dabei – viel Spaß und viel Erfolg!

Bettina Rinderle




Downloads


Dazu passt:


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Über die Autorin

Bettina Rinderle

Berufliche Arbeit: Wie die Zeit vergeht! Schon bin ich im Ruhestand! Nach 40 Dienstjahren zum größten Teil an Freiburg-nahen Grundschulen hatte ich vor einigen Jahren einen „sanften“ Übergang in die Unruhezeit, weil ich bis heute noch als Fortbildnerin Vorträge und Workshops vielerorts halte. In meiner Dienstzeit ließ ich mich zum Beratungslehrer ausbilden, was meinen Beruf um eine interessante Tätigkeit bereicherte. Angeregt durch die Ausbildung, wuchs ich in 5 berufsbegleitenden Jahren in Köln und New York zur Psychodrama-Leiterin heran. Nach einem Angebot des Oberschulamts arbeitete ich in den letzten 10 Dienstjahren an der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Freiburg. Hauptaufgaben waren – neben Eltern-Schüler-Lehrer-Beratung – die Fortbildung zu LRS-Multiplikatoren, die Ausbildung der neuen Beratungslehrer und die Lehrer- Supervision. Ich bildete Referendarinnen aus und führte mehrere Lehraufträge an der PH Freiburg zum „psychodramatischen Literaturunterricht“ und zur „Szenischen Didaktik“ aus. An der Beratungsstelle wurde ich mit der „Buschmann-Methode“, später „Fresch-Methode“ vertraut. Ich dokumentierte sie in vielen Übungsbüchern und Materialien, vor allem im AOL-Verlag. Im Ruhestand widmete ich mich noch mehr dem Was mir Spaß macht: Dem Schreiben! Und nun auch in Form von Kinderbüchern im Klett-Verlag. Da ich mit Papier und Bleistift unabhängig vom Netz sein kann, bin ich gern auf Reisen. An allererster Stelle stehen jedoch meine drei Enkel-Jungs, die ich so oft wie möglich besuche, oder sie kommen zu mir und toben durch den „coolen“ Schwarzwald. Begeistert bin ich von Kunst, auch von der Essenskunst – aber das sieht man ja „e wenig“ wie der Badener sagt!

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