Unterrichtspraxis
Die ersten Schulwochen mit einer ersten Klasse sind absolut spannend, begeisternd, aber auch herausfordernd. Wie die Einführung in das Fach Mathematik gut gelingen kann, möchte ich euch heute mit einigen Ideen präsentieren. Ich möchte in diesem Artikel berichten, wie ich – mit dem Zahlenbuch 1 in der Hinterhand – diese Zeit gestaltet und welche Schwerpunkte ich gesetzt habe. Genau gesagt geht es hier um den Zeitraum von sieben Wochen bis zu den Herbstferien. Thematisch/didaktisch liegt dabei in erster Linie der Fokus auf der Entwicklung des Zahlbegriffes, so auch ausgewiesen im didaktischen Kommentar zum Zahlenbuch 1.
Nachdem im ersten Teil dieses Beitrages schon die Gestaltung des Klassenraumes in Verbindung mit Überlegungen zu Sozialformen im Unterricht, die schrittweise Einführung der benötigten Materialien des Zahlenbuches sowie der mögliche Einsatz dieser Materialien besprochen wurde, geht es heute um die Unterrichtspraxis – genauer gesagt um die Zahlzerlegung sowie die sorgfältige schreibmotorische Erarbeitung der Ziffern. Vorausgehend muss ich noch erwähnen, dass ich mich zum Teil auf die Ausgabe des Zahlenbuchs 1 von 2014 Bayern beziehe.
In den ersten sieben Wochen bis zu den Herbstferien habe ich das Schulbuch noch beiseitegelassen und das Arbeitsheft mit den ersten Seiten eingesetzt. Absoluter Schwerpunkt war die Erarbeitung des Zahlbegriffes der Zahlen eins bis zehn, die Erarbeitung der Schreibmotorik der Ziffern eins bis sechs und die sorgfältige Einführung der in Beitrag 1 benannten Materialien.
Erarbeitung des Zahlbegriffes
Fingerspiel
In der allerersten Mathematikstunde haben wir zunächst das Fingerspiel „Zehn kleine Zappelmänner“ miteinander gelernt. Das bringt Bewegung und Spaß in den Unterricht: Wiederholungen im Stehen, im Sitzen, auf dem Stuhl, auf dem Tisch, unter dem Tisch und im Gehen durch den Klassenraum.
(Anmerkung: Fingerspiele eignen sich hervorragend, um Bewegung in den Unterricht zu bringen. Zudem wird gleichzeitig Sprache und Rhythmus geschult. In der ersten Klasse sollte eine konzentrierte Unterrichtsphase nicht länger als ca. 15 Minuten dauern. Für motivierende „Breaks“ eignen sich außer Fingerspielen auch Lieder, zu denen man sich bewegen kann oder ein „Pausenspaß“ des Präventionsprogramms „Klasse 2000“.)
Wendeplättchen
Anschließend haben die Kinder, mit Unterstützung und u.U. Korrektur der Lehrkraft, durch Anschreiben der Ziffern 1 bis 10 ihre Vorkenntnisse dieser Ziffern gezeigt, aus dem Zahlenfries wurden die Würfel und Punktbilder zugeordnet. In der Folgezeit beginnt jede Mathestunde mit einer Einheit, in der die Ziffern 1 bis 10 mit der jeweiligen Würfel- und Punktmenge verknüpft wird. Dazu habe ich schon am zweiten Unterrichtstag die Wendeplättchen in der Metallbox eingeführt.
(Anmerkung: Werden neue Materialien eingeführt, sollten die Kinder auf jeden Fall ausreichend Zeit bekommen, um das Material – am beste in PA – frei und ohne Vorgaben spielerisch zu erkunden.)
Diese täglichen Einheiten haben wir zum Teil im Plenum, aber auch viel in PA umgesetzt:
- Zahlen hören: Die L. wirft Demo-Wendeplättchen in eine Blechdose, die Kinder legen das „gehörte“ Würfel- oder Punktbild mit ihren Plättchen am Platz, Kontrolle im Plenum an der Tafel, die Ziffer wird aus dem Zahlenfries zugeordnet.
- Zahlen tasten: Die K. arbeiten im eigenen Rhythmus in PA. Sie erhalten größere Kunststoff-Wendeplättchen und ein Tuch. P1 legt unter dem Tuch eine Zahl als Punkt- oder Würfelbild, während sich P2 die Augen zuhält. P2 ertastet dann die Menge vorsichtig und benennt seinem Partnerkind die Ziffer. Anschließend legt P2 die Menge usw.
- Zahlen sehen: Die L. blinkt mit einem Laserpointer eine Zahl an die Projektionsfläche, die K. zählen innerlich mit und legen dann wiederum die Menge am Platz mit den Plättchen, Kontrolle im Plenum (s.o.).
- Zahlen tippen/schreiben: Die Kinder laufen frei durch den Raum, „treffen“ ein Partnerkind und tippen (z. B. dreimal tippen für die drei) oder schreiben (Ziffer) sich eine Zahl auf den Rücken. Das Partnerkind muss dann die Zahl nennen. Dann treffen die Kinder ein neues Partnerkind usw.
(Anmerkung: Zur Einführung einer solchen Übungsform habe ich mir immer Zeit genommen: Die Klasse trifft sich an einem festgelegten Plenumstisch, um den herum alle (sitzend und stehend) Platz haben. Ich setze mich neben einen Lernenden und zeige mit diesem zusammen die Partnerarbeit. Nach Beendigung der Partnerarbeit habe ich im Plenum immer nachgefragt, wie gut diese Phase gelaufen war. So können mit den Kindern sachliche und soziale Probleme unmittelbar gelöst werden und der „Wert“ der Partnerarbeit als sozialintegrative Arbeitsform wird vertieft. Auch bei weiteren Wiederholungen einer Übung habe ich diese vor Beginn einer Partnerarbeit stets noch einmal kurz gezeigt.)
Zwanzigerfeld
Die Kinder sollten alle eine Verknüpfung der Ziffern mit den Mengen nachhaltig verinnerlichen, zunächst in der festgelegten Form der Würfel- und Punktbilder. Ist dies weitgehend gewährleistet, kann man erweiternd das Zwanzigerfeld einführen. Das habe ich in der zweiten Unterrichtswoche getan. Der Begriff des Zwanzigerfeldes muss gut geklärt werden:
- Das Zwanzigerfeld bietet Platz für 20 Plättchen, also die Menge, die im 1. Schuljahr wichtig ist.
- Die Zahl 10 erscheint untereinander zweimal und die Zahl 5 erscheint viermal. Hier kann sofort der Begriff der „Kraft der Fünf“ eingeführt werden.
Diese Aufteilung sollte von der Lehrkraft an der Tafel im Demo-Zwanzigerfeld konkret gezeigt und von den Kindern am Platz mit ihren Plättchen nachvollzogen werden. Indem die genannten Mengen noch einmal alternativ mit den Würfel- und Punktbildern an der Tafel und am Platz von den Kindern gelegt werden, vertieft sich das Verständnis des Zwanzigerfeldes: Zwei Punktbilder der 10 untereinander, vier Würfelbilder mit der 5, angeordnet wie im Feld. Diese Darstellung kann dann wieder aufgelöst werden, indem die Mengen zurück ins Feld gelegt werden. Von nun an können die Würfel- und Punktbilder bis zur Zahl 10 in täglichen kleinen Übungseinheiten mit dem Zwanzigerfeld verknüpft werden, das kann im Plenum oder in Partnerarbeit geschehen. Dabei sollten immer wieder die geordneten Mengen in das lineare Feld gelegt werden und umgekehrt aus dem Feld ins Punktbild überführt werden.

Tierkärtchen
Die Benennung der jeweiligen Zahl ist dabei wichtig sowie das Zuordnen der entsprechenden Ziffer. Hierbei kann stets auf den Zahlenfries zurückgegriffen werden. Das Aufschreiben der Ziffer durch die Lernenden sollte so lange vermieden werden, bis die Ziffern eingeführt und schreibmotorisch gefestigt sind.
In der dritten Unterrichtswoche habe ich die Tierkärtchen aus dem Spieleset eingeführt.
(Anmerkung: Schön wäre es, wenn man die Anzahl der Tierkärtchen erhöhen könnte, es müsste dann ein zweites Spieleset benutzt werden.)
In der Betrachtung der Kärtchen muss herausgearbeitet werden, dass die Mengen hier wieder anders angeordnet und teilweise auch aufgeteilt sind. Durch die Verknüpfung der Tierkärtchen mit den Würfel- und Punktbildern sowie mit dem Zwanzigerfeld ergeben sich nun wieder neue Übungsmöglichkeiten, die den Zahlbegriff weiter vertiefen und bereits Plusaufgaben vorbereiten.
Beispiel für eine diesbezügliche Partnerarbeit:
„Nehmt euch ein Tierkärtchen, legt es mit den Wendeplättchen als Würfel- oder Punktbild. Anschließend legt ihr die Plättchen ins Zwanzigerfeld. Dann startet ihr erneut mit einem anderen Tierkärtchen.“
Wichtig ist wieder nach der Partnerarbeit zu fragen: „Wie viele Durchgänge habt ihr geschafft, seid ihr gut zurechtgekommen?“
Die Kombinationsmöglichkeiten mit den bereits beschriebenen Übungsformen und Materialien sind vielfältig! Zur Vertiefung kann man auch einmal die Würfel- und Punktbilder sowie die Tierkärtchen von den Kindern zeichnen lassen. (s. Arbeitsbogen 1)
Blitzrechenkartei
In der 5. Unterrichtswoche habe ich die Blitzrechenkartei mit der ersten Blitzrechenübung „Wie viele?“ eingeführt. Den Einsatz der Kartei habe ich auch in der Folgezeit meistens mit einem bewegungsorientierten Format verbunden, das die Lernenden sehr gerne wahrgenommen haben:
Die Gruppenordner holen die Körbe mit den Karten der Blitzrechenkartei an den jeweiligen Gruppentisch, jedes Kind nimmt sich eine Karte. Nun stehen alle auf und bewegen sich im Raum. Die Kinder treffen aufeinander, zeigen sich wechselseitig die Aufgabe, lösen diese (Kontrolle durch die Rückseite), tauschen die Karten aus und suchen sich ein neues Partnerkind. Ein akustisches Signal der Lehrkraft beendet diese Phase. Auch hier ist es gut nachzufragen: „Wie seid ihr zurechtgekommen, wie viele Aufgaben konntet ihr rechnen?“
Die Blitzrechenkartei bietet außer diesem Übungsformat nun auch die Möglichkeit, weitere Aufgabenformate in Kombination mit den bisher eingeführten Materialien für Partnerarbeiten zu entwickeln: Die Kinder nehmen sich eine Blitzrechenkarte der Übung „Wie viele?“, legen die Darstellung mit Plättchen nach oder legen die Anzahl ins Zwanzigerfeld oder nehmen die Karte als Vorlage für eine Tastaufgabe.
Wendekärtchen
In der 6. Woche habe ich schließlich die Wendekärtchen eingeführt, zunächst nur für die Zahlen bis 10. Die Kinder sollten (in PA) ausreichend Zeit erhalten, die Kärtchen zu erkunden und mit ihnen zu spielen. Anschließend muss im Plenum die Struktur der Kärtchen gründlich besprochen und plakativ gezeigt werden: Das Zwanzigerfeld findet sich hier in Hochformat! Die Demo-Wendekärtchen des Verlages können dazu eingesetzt werden. Ich habe mir zusätzlich noch (durch Vergrößerung auf dem Farbkopierer) Wendekarten in DIN-A5-Format hergestellt. Nun ergeben sich erneut viele Möglichkeiten, mit den Kärtchen die Zahlvorstellung zu festigen. Dies kann man vor allem auch wieder durch die Kombination mit den schon bekannten Materialien erreichen, sodass die Mengen bis zur Zahl 10 verschieden angeordnet werden und damit für die Kinder immer „greifbarer“ werden.

Zerlegung der Zahlen im Zahlenhaus

Grundschul-Blog-Unterrichten-Mathematik-Zahlenbuch-Einfuehrungsunterricht-Arbeitsbogen-2
Arbeitsbogen 2 – Zahlenhaus
Die Zerlegung der Zahlen bis zur 10 wird bereits durch die Anordnungen der Mengen auf der Blitzkartei „Wie viele?“ und durch die Tierbilder angeregt: „Hier ist die Zahl 7 aufgeteilt in die 3 und in die 4.“ Die Wahrnehmung und Verbalisierung, dass Mengen unterschiedlich angeordnet und aufgeteilt werden können, sollte im Unterricht angeregt werden, um so aus einer weiteren Perspektive den Mengenbegriff zu festigen. Ab der Zahl 3 habe ich zur Unterstützung dieser Perspektive nach Einführung der jeweiligen Ziffer die möglichen Zerlegungen einer Zahl in einem Zahlenhaus systematisch mit den Kindern erarbeitet und notiert (Arbeitsbogen 2). Zunächst haben die Kinder auf dem Arbeitsbogen mögliche Zerlegungen mit Plättchen in PA frei erprobt. In einem großformatigen Zahlenhaus an der Tafel können dann die Kinder die möglichen Zahlzerlegungen mit Demoplättchen zeigen. Zum Schluss folgt der gemeinsame Eintrag (idealerweise an der Dokumentenkamera und jedes Kind auf einem Arbeitsbogen) mit Ziffern in das Zahlenhaus. Ich habe dabei die systematische Darstellung gewählt: Die Zahl 1 zerlegt in die 3 und die 0, in die 2 und die 1, in die 1 und die 2, in die 0 und die 3.
Schreibmotorische Erarbeitung der Ziffern 1 bis 6
Die Arbeit an der Ziffer hatte folgende Struktur:
Die anschauliche, an Materialien orientierte, Erarbeitung und Festigung des Zahlbegriffes ist in der Grundschulmathematik und ganz besonders auch im Anfangsunterricht ein essenzieller Grundbaustein. Wird dieser Bereich vernachlässigt, führt dies bei vielen Kindern unweigerlich zu zählendem Rechnen, mit dem dann die Kinder schnell an Grenzen stoßen und auch die Lust an der Mathematik verlieren. Die schreibmotorische Erarbeitung der Ziffern in seiner eher mechanischen Struktur ergänzt und entlastet sozusagen die anspruchsvolle Arbeit am Zahlbegriff. Im Groben habe ich in jeder Woche eine Ziffer erarbeitet, sodass in der 7. Woche die Zahl 6 schreibmotorisch abgeschlossen werden konnte.
- Zielvorgabe im Plenum: „Wir wissen, was die Zahl 1 bedeutet“: Wiederholung der Mengendarstellungen der 1 im Zahlenfries. „Jetzt lernen wir die Ziffer 1 kennen, die Ziffer ist ein Zeichen für die Menge 1.“
- Großformatige Erarbeitung an der Tafel: Große quadratische Kästchen über die gesamte Breite der Tafel, in denen die Ziffer 1 mehrfach eingetragen ist. Vier bis fünf Kinder kommen gleichzeitig an die Tafel und spuren die 1 in den Kästchen nach. Dabei wird vom Lehrenden verbalisiert, wie sich die Zahl im Kästchen platziert: „Hoch zur Spitze an den Kästchenrand, hinunter an den Boden.“ Die anderen Kinder fahren in der Luft nach. Dann kommen die nächsten Lernenden an die Reihe, bis jedes Kind einmal an der Tafel war. Die Kinder lieben diese Phase. Der Lehrende (steht ganz hinten im Klassenzimmer) hat bei jedem Kind die Kontrolle, ob die Schreibrichtung eingehalten wird. Erfahrungsgemäß sind die Kinder sonst mit abenteuerlichen Schreibabläufen bei den Ziffern kreativ unterwegs!
- Kneten der Ziffer: Jedes Kind bekommt eine Kugel Bienenwachsknete und eine Unterlage. (Vor dem Unterricht auf die Gruppentischkörbe verteilt.) In der Regel muss den Kindern gezeigt werden, wie man Knete formt und wie dies bei der 1 umgesetzt werden kann. Dann aber sind der Knetfantasie keine Grenzen gesetzt!
- Großformatige Erarbeitung auf Arbeitsbögen: Die schreibmotorische Festigung der Ziffer wird nun auf einem Arbeitsbogen fortgesetzt. Auch hier sollte sehr auf die Platzierung im Kästchen geachtet werden. Vielen Kindern fällt dies recht schwer. Für die Ziffer 3 zeige ich diese Phase an drei aufeinanderfolgenden Arbeitsbögen (Arbeitsbogen 3). Es stellt sich schnell heraus, welche Kinder Probleme haben, diese sollten besonders unterstützt und begleitet werden.
- Erarbeitung im Heft: Nun folgt die Einführung eines kleinen Mathematikheftes, DIN-A5, Lineatur 7. Die Arbeit in den Kästchen des Heftes muss äußerst sorgfältig mit den Kindern erarbeitet werden. Dass zwischen jeder Ziffer ein Kästchen ausgelassen wird, wird ja schon auf den Arbeitsbögen geübt, fällt jedoch vielen Kinders schwer. Auch wenn es sehr viel Arbeit macht: Es lohnt sich den Beginn einer jeden Zeile den Kindern in den Heften vorzuschreiben. Aber auch dann muss im Unterricht gemeinsam das Schreiben im Heft geübt werden. Wunderbar ist diesbezüglich eine Dokumentenkamera. Sie erlaubt, die Schreibvorgänge mit den Kindern Schritt für Schritt gemeinsam zu vollziehen. Jede Ziffer sollte im Heft auf einer Seite geübt werden. Wenn die Zeit es erlaubt, kann diese Seite durch Mengendarstellungen oder durch Umweltbilder zu der jeweiligen Ziffer ergänzt werden.
Viel Spaß und Erfolg beim Ausprobieren!










Hinterlasse einen Kommentar