Ein Plädoyer als Einladung zur Diskussion
Der vorliegende Blogartikel kann euch für diese Herausforderung keine unmittelbar praxiswirksame Hilfe bieten.
In den Bänden Förderkommentar Lernen zu den Zahlenbüchern (Häsel-Weide & Nührenbörger, 2022 a, b, c, d) findet ihr dazu wertvolle Anregungen, bezogen auf einzelne Lerninhalte, also in der Konkretheit, die für eure praktische Arbeit notwendig ist und zu der ein Artikel wie dieser wenig beitragen kann.
Vielleicht hilft euch dieser Artikel aber bei der theoretischen Einordnung von Lernschwierigkeiten in Mathematik. Zu solchen Lernschwierigkeiten existieren sehr unterschiedliche Sichtweisen. Manche davon erscheinen mir nicht im Interesse der betroffenen Kinder zu sein. Deshalb dieser Beitrag, in dem ich an einigen Stellen Gedanken und Formulierungen aus Gaidoschik (2025) aufgreife. Versteht ihn gerne auch als Einladung zu einer Diskussion, die ich gerne auch hier in diesem Blog führe!
Unterschiedliche Wissenschaften,
unterschiedliche Bezeichnungen,
unterschiedliche Perspektiven
Lernschwierigkeiten in Mathematik sind Thema in einer Reihe von Wissenschaften. Da ist zum einen die Mathematikdidaktik; zum anderen die Medizin, die Psychologie in verschiedenen Abteilungen (Kognitionspsychologie, Entwicklungspsychologie, Neuropsychologie); die Sonderpädagogik, und andere.
In mathematikdidaktischen Veröffentlichungen zum Thema stößt man auf reichlich umständliche Bezeichnungen wie „besondere Schwierigkeiten beim Mathematiklernen“ (Gaidoschik et al., 2021). In einschlägigen medizinisch-psychologischen Veröffentlichungen hingegen dominieren die Begriffe „Rechenstörung“ und/oder „Dyskalkulie“, zuweilen auch „Rechenschwäche“.
Rechen-Schwäche, Rechen-Störung, Dys-Kalkulie: Vielleicht verwendet auch ihr diese Bezeichnungen in eurer schulischen Praxis, in Gesprächen mit Kolleginnen, Kollegen und Eltern. Die Begriffe sind ja auch weit verbreitet, sie haben gegenüber dem oben zitierten sprachlichen Ungetüm „besondere Schwierigkeiten beim Mathematiklernen“ den unbestreitbaren Vorteil der Kürze, und sie werden in der Regel ohne weiteres verstanden. Aber wie werden sie verstanden, und wie sind sie gemeint?

Individuell verschieden, vermute ich; das liegt im Wesen menschlicher Kommunikation. Aber die Wörter für sich genommen legen folgende Interpretation nahe: Hier hat ein Kind eine Schwäche oder Störung (dafür auch das Dys-), also eine Eigenschaft an sich, die ihm das Rechnen erschwert oder vielleicht sogar verunmöglicht.
Lernschwierigkeiten werden also in solchen Bezeichnungen zum Ausdruck einer Eigenschaft eines Individuums erklärt. Insofern Schwierigkeiten unerfreulich sind, liegt es in weiterer Folge nahe, mit diesen Wörtern den Gedanken an eine Krankheit zu verbinden. Und tatsächlich findet sich in der „Internationalen Klassifikation von Krankheiten“ der Weltgesundheitsorganisation in ihrer letzten Revision ICD-11 unter dem Code MB4B.5 ein Eintrag für (englisch) „Dyscalculia“, mit folgender Kurzbeschreibung: „erworbene Schwierigkeiten bei der Durchführung einfacher mathematischer Berechnungen, die nicht zum allgemeinen Niveau der intellektuellen Leistungsfähigkeit passen“ (meine Übersetzung).
Dyskalkulisch oder nicht:
eine rein quantitativ entschiedene Frage
Um ein mögliches Missverständnis der folgenden Ausführungen zu vermeiden: Mir geht es nicht um die Leugnung wissenschaftlicher Forschung von Disziplinen außerhalb der meinen, also der Mathematikdidaktik. Die Mathematikdidaktik ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, sie lernt viel auch aus psychologischer Forschung.
Ich sehe jedoch grundlegende Unterschiede im Zugang zu Lernschwierigkeiten darin, dass manche Fragen, die für Medizin und Psychologie offenbar wichtig sind, aus meiner fachdidaktisch-pädagogisch geprägten Sicht im Umgang mit Kindern keine Rolle spielen sollten.
Das betrifft ganz grundsätzlich die für den medizinisch-psychologischen Zugang bedeutende Frage, ob ein Kind eine Rechenschwäche oder Dyskalkulie hat oder nicht. Ich plädiere dafür, diese Frage für pädagogisch irrelevant zu erachten.
Warum? Nun, zunächst handelt es sich dabei um eine rein quantitativ zu entscheidende Frage. Als solche wird sie in der Diagnose einer Rechenstörung durch klinische Psychologinnen und Psychologen auch beantwortet. Gemäß der „S3-Leitlinie: Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung“, federführend erstellt von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) (2018), sollen dafür standardisierte Tests zur Erfassung der Mathematikleistung durchgeführt werden. Dabei muss sich zeigen, dass die Leistungen eines Kindes mindestens 1,5 „Standardabweichungen“ unter der Altersnorm liegen.
Für diejenigen, die mit diesem statistischen Begriff nicht vertraut sind: Damit ist im Wesentlichen festgelegt, dass ein Kind in einem standardisierten Mathematiktest unter den ca. 6,5 Prozent mit den schwächsten Testwerten liegen muss, damit die Diagnose „Dyskalkulie“ gestellt werden kann (DGKJP, 2018, S. 20 f.).
Die Diagnose beruht damit auf einer rein quantitativen Festlegung, einem „in gewisser Weise willkürlich“ gewählten „Cut-off-Wert“, wie man auch in einem aktuellen (und sehr informativen) psychologischen Handbuch (Landerl et al. 2022, S. 104) nachlesen kann.
Im Unterschied zu einer Diagnose wie „Astigmatismus“ oder „Blinddarmentzündung“ weiß man deshalb nach Erstellung der Diagnose „Rechenstörung“ aber im Grunde nur das, was man vorher schon wusste: Das Kind hat Schwierigkeiten beim Rechnen; deshalb wurde es ja zur Diagnose geschickt. Worin genau diese Schwierigkeiten bestehen, wird mit der Diagnose „Rechenstörung“ aber nicht abgeklärt. Sie liefert (im Unterschied etwa zur Diagnose „Blinddarmentzündung“) deshalb auch keine Hinweise dafür, welche „Behandlung“ nun zielführend wäre. Mit „Rechenstörung“ wird lediglich konstatiert, dass das Kind in einem standardisierten Test sehr schwache Leistungen gezeigt hat – schwach genug, um eine Diskrepanz zur Altersnorm aufzuweisen.
Es stellt sich die Frage, wem mit so einer Diagnose geholfen ist.

Wofür hilft eine solche Diagnose –
und wobei hilft sie sicher nicht?
Sicher keine Hilfe ist sie für die Planung von Unterricht und Förderung. Für diese Zwecke, also aus pädagogischer Sicht, relevant wäre eine detaillierte qualitative Abklärung, wie das Kind aktuell über Zahlen, Stellenwerte, Grundrechenarten denkt, welche Strategien es anwendet, was im Einzelnen es richtig, was es in welcher Weise falsch verstanden hat …
All das sind wichtige Fragen, wenn der weitere Mathematikunterricht und zusätzliche Fördermaßnahmen auf das Kind abgestimmt werden sollen; Fragen, bei deren Beantwortung die Förderkommentare Lernen zum Zahlenbuch wertvolle Unterstützung geben. Der quantitative Vergleich der Leistungen eines Kindes mit den Leistungen anderer Kinder ist dafür vollkommen nutzlos.

Dieser Vergleich hilft tatsächlich ausschließlich dafür, Kindern mit einer solcherart definierten „Rechenstörung“ abzugrenzen von anderen, deren Lernschwierigkeiten in Mathematik nicht unter diese Rubrik fallen. Aber wofür ist das gut?
Der wesentliche Grund dafür, dass klinische Psychologinnen und Psychologen Diagnosen auf „Rechenstörung“ oder „Dyskalkulie“ stellen und für diesen Zweck zahlreiche standardisierte Testverfahren auf dem Markt sind, ist politisch-rechtlicher Natur. Zwar existieren im deutschsprachigen Raum diesbezüglich große Unterschiede zwischen Staaten und einzelnen Ländern: In einigen sehen geltende Gesetze und schulische Verordnungen für Kinder mit einer „Rechenstörung“ Sonderregelungen vor, in anderen nicht und werden dort von Elternverbänden gefordert. Bestehende Regelungen werden als zu wenig weitreichend kritisiert, Änderungen beantragt.
Im Ausgangspunkt dieser Debatte um schulische Regelungen scheint aber eines weitgehend außer Streit zu stehen: Dass es wichtig sei, zwischen Kindern mit diagnostizierter Störung und solchen zu unterscheiden, die zwar Probleme in Mathematik haben, aber die Kriterien einer Diagnose nicht erfüllen.
Ich halte diesen Ausgangspunkt für falsch. Er ist falsch jedenfalls dann, wenn das Ziel darin besteht, grundlegende Lernschwierigkeiten in Mathematik zu überwinden und, besser noch, zu verhindern, und zwar möglichst umfassend und für möglichst viele Kinder.
Der einzige „Nachteilsausgleich“ der diesen Namen verdient: Lernunterstützung!
Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe Verständnis, wenn Eltern die Diagnose einer Rechenstörung für ihr Kind deshalb wichtig ist, weil sie auf deren Grundlage schulische Unterstützungsmaßnahmen und Erleichterungen erhoffen, oder Anspruch auf finanzielle Unterstützung für außerschulische Förderung haben.
Ich verstehe auch, dass Eltern möglichst weitreichende „Nachteilsausgleiche“ für ihre Kinder fordern.
Ich gebe aber zu bedenken, dass Mathematik ein wichtiger Teil der Welt ist. Und mit Bezug auf die Grundschulmathematik kann klar gesagt werden: Sie ist nicht nur Voraussetzung für Erfolg im weiterführenden Mathematikunterricht, sondern hilft tatsächlich auch im Alltag, wie umgekehrt Probleme in diesen Bereichen nicht nur für die weitere Schullaufbahn, sondern auch im Alltag Probleme bereiten, verunsichern, praktisch negative Konsequenzen haben.
Es ist deshalb zwangsläufig ein Nachteil für einen Menschen, wenn ihm die Grundschulmathematik verschlossen bleibt, und ich sehe nicht, wie dieser Nachteil ausgeglichen werden kann.

Es könnte aber in sehr vielen Fällen verhindert werden, dass Kinder und Jugendliche in diesen Nachteil geraten. Dafür benötigen die Betroffenen gezielte Lernunterstützung, möglichst noch bevor ihre Lernschwierigkeiten dazu führen, dass sie aufbauende Lernschritte nicht oder nicht in der durch unser Schulsystem vorgegebenen Zeit bewältigen können.
Was nötig ist, sind politische Änderungen,
aber keine Etikettierungen
Wenn ihr nun meint: schön wär’s, aber die schulische Realität ist eine andere; für die gezielte Unterstützung von Kindern mit Lernschwierigkeiten fehlt es an Zeit, fehlt es an Personalressourcen – dann will und kann ich euch leider nicht widersprechen. Ich argumentiere seit vielen Jahren dafür, dass in diesen Bereichen Änderungen im Bildungssystem dringend notwendig sind. Solche Änderungen müssten politisch erkämpft werden. Sie würden allen Kindern zugutekommen.
Es gäbe aber für diesen Zweck der bestmöglichen mathematischen Bildung für alle sicher keinen Bedarf an der Abgrenzung von Kindern mit einer „Rechenstörung“ von anderen Kindern. Denn vollkommen unabhängig davon, ob sich in einem standardisierten Test eine Unterschreitung der Altersnorm um 1,5 Standardabweichungen ermitteln lässt oder nicht: Wenn Kinder Schwierigkeiten beim Erlernen mathematischer Grundbegriffe haben, benötigen sie gezielte Unterstützung. Bleibt diese aus, werden die Schwierigkeiten aufgrund der für die Grundschulmathematik charakteristischen stofflichen Hierarchie (Wittmann, 2015) von Jahr zu Jahr immer größer.
Ein Bildungssystem, das diesen Namen verdient, sollte versuchen, das zu verhindern.
Und es sollte nötigenfalls auch dauerhafte Hilfestellung geben, wenn ein Kind, trotz aller Präventivmaßnahmen, anhaltend auf zusätzliche Lernunterstützung angewiesen ist, um eine mathematische Grundbildung zu erhalten.
Ein Bildungssystem, das diesen Namen verdient, sortiert aber nicht Kinder nach quantitativen Kriterien in solche, die unterstützungswürdig sind und andere, die sich selbst überlassen bleiben, und kennt auch sonst keinen Grund dafür, eine solche Sortierung vorzunehmen.
Eltern betroffener Kinder und Pädagoginnen und Pädagogen, die bessere Bedingungen für Kinder mit „Rechenstörung“ fordern, würde ich deshalb gerne davon überzeugen, den politischen Kampf (und um einen solchen geht es dabei) stattdessen um bessere Bedingungen für alle Kinder, die Schwierigkeiten beim Lernen von Mathematik haben, zu führen.
Die Frage nach dem Warum –
und welche Art von Antworten darauf produktiv ist
Eine zweite Frage, auf die Medizin und Psychologie einerseits, Fachdidaktik andererseits deutlich unterschiedliche Antworten geben, ist die nach dem Warum.
Warum also haben so viele Kinder so grundsätzliche Schwierigkeiten mit der Mathematik?
Medizin und Psychologie geben mit der Einordnung dieser Schwierigkeiten als Störung die Richtung ihrer Antworten schon vor. Zwar wird in einschlägiger Fachliteratur zumeist anerkannt, dass bei der Entstehung einer „Dyskalkulie“ auch „umweltbedingte Faktoren“ (Landerl et al., 2022, S. 115) eine Rolle spielen. Ein beträchtlicher Teil medizinisch-psychologischer Forschung beschäftigt sich aber doch gerade mit der Frage, was genau am oder im Individuum es sei, das eine solche Störung verursache.
Ich gehe hier auf diese Variante der Ursachenforschung nicht näher ein, weil ich sie ebenso für pädagogisch irrelevant halte wie die Ab- und Ausgrenzung von „dyskalkulischen Kindern“. Stattdessen rate ich Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen, Erklärungen für Lernschwierigkeiten dort zu suchen, wo wir hilfreich Einfluss nehmen können.
Das ist zum einen und ganz wesentlich das Denken der Kinder. Wenn ein Kind beispielsweise zählend rechnet und dabei Fehler macht oder nicht weiß, was die Hälfte von 70 ist oder in einer Textaufgabe subtrahiert, obwohl es dividieren sollte, dann lässt sich das zumeist schlüssig erklären daraus, wie das Kind Zahlen, das Stellenwertsystem, die vier Grundrechenarten verstanden hat.

Der unmittelbare Grund für eine Schwierigkeit im Erlernen eines mathematischen Inhalts liegt im Denken des Kindes.
Mittelbar sind auch Wille, Motivation, Gewohnheiten, Ängste entscheidend. Um das genauer zu entschlüsseln, muss man das Kind beobachten und mit ihm sprechen, ihm gezielt Aufgaben stellen und seine Antworten und Lösungsversuche fachdidaktisch einzuordnen verstehen. Hat man in diesem Sinn eine Erklärung für die jeweilige Schwierigkeit gefunden, lässt sich daraus ableiten, welche Maßnahmen zu deren Überwindung nötig wären: welche Missverständnisse ausgeräumt, welche fehlenden Verstehensgrundlagen erst erarbeitet werden müssen, ob zuvor und begleitend grundlegend an der Motivation gearbeitet werden muss …
Diese Variante der Frage nach dem Warum einer konkreten Schwierigkeit beim Lernen eines mathematischen Inhaltes ist pädagogisch äußerst relevant.
Ob hingegen eine „Dyskalkulie“ „genetische Ursachen“ hat; ob „basisnumerische Defizite“ für die Entstehung ursächlich sind und welche Rolle „Gedächtnisdefizite […], Defizite in den exekutiven Funktionen […], der allgemeinen kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit, den visuell-räumlichen Funktionen oder den motorischen Funktionen“ (Landerl et al., 2022, S. 115 f.) dabei spielen – all das halte ich solange für pädagogisch irrelevant, solange die psychologische Forschung zu dem, was sie als genetisch, biologisch bzw. neuronal determiniert einstuft, keine überzeugende, empirisch abgesicherte Therapie ohne unerwünschte Nebenwirkungen anzubieten hat. Und das hat sie, derzeit jedenfalls, nicht.
Überaus relevant für die Frage, wie mathematische Lernschwierigkeiten verhindert bzw. überwunden werden können, sind hingegen Studien, die möglichen Zusammenhängen mit dem Unterricht nachgehen. Sie zeigen beispielsweise, dass die Häufigkeit, mit der Kinder Ende des ersten Schuljahres noch auf zählende Rechenstrategien zurückgreifen, signifikant niedriger ist in Klassen, in denen, wie es im Zahlenbuch 1 vorgeschlagen wird, gezielt am Teile-Ganzes-Verständnis und in weiterer Folge an Ableitungsstrategien gearbeitet wurde (vgl. dazu Gaidoschik et al., 2017).
Forschung dieser Art liefert also zum einen klare Hinweise dafür, worauf im Unterricht und in der Förderung geachtet werden sollte. Zum anderen mahnt sie zumindest zur Vorsicht gegenüber Versuchen, die Ursache für mathematische Lernschwierigkeiten in erster Linie im Kind und seinen biologischen Anlagen zu suchen.
Konsequenzen für die Wahl der Worte
Unter den derzeit gegebenen Umständen werden Lehrkräfte immer wieder Kinder in ihren Klassen haben, bei denen eine Rechenstörung oder Dyskalkulie diagnostiziert wurde. Sie werden von Eltern angesprochen werden, die besorgt nachfragen, ob ihr Kind möglicherweise an einer Dyskalkulie leide, und einfordern, dass eine vermutete oder bereits diagnostizierte Rechenstörung berücksichtigt werde. Lehrkräfte werden vielleicht von Dyskalkulie-Therapeutinnen oder anderen außerschulischen Betreuungspersonen eines Kindes kontaktiert und um Informationen oder Zusammenarbeit gebeten werden.
In all solchen und weiteren Fällen erlangen Bezeichnungen wie Rechenstörung und Dyskalkulie zweifelsfrei Bedeutung für die pädagogische Praxis von Lehrkräften.
Im Umgang mit den Kindern sollten diese Wörter meines Erachtens für Lehrkräfte keine Rolle spielen. Ich fasse die bereits erläuterten Gründe zusammen und ergänze sie:
- Das möglichst detaillierte, möglichst individuelle qualitative Erfassen von Lernständen ist ein wichtiger Teil des Lehrberufs. Es ist unabdingbare Voraussetzung für das Planen von Unterricht und für Überlegungen dazu, ob für einzelne Kinder Maßnahmen über den Unterricht hinaus ergriffen werden und worin diese bestehen sollten.
- Grundsätzlich kann und sollte in jeder Mathematikstunde Einblick in Denkweisen und Strategien und damit aktuelle Lernstände einzelner Kinder gewonnen werden. Bei manchen Kindern werden sich dabei Hinweise ergeben, die ein gezielteres Nachfragen erforderlich machen, als es in der Klasse möglich ist. Qualitative Lernstandserfassungen dieser Art haben nicht das Geringste mit der Diagnostik einer „Rechenstörung“ zu tun. Umgekehrt hilft der Befund, dass bei einem Kind eine „Rechenstörung“ vorliegt, kein bisschen weiter bei Entscheidungen darüber, welche Fördermaßnahmen für dieses Kind zum gegebenen Zeitpunkt zielführend sind oder nicht.
- Um der Gefahr entgegenzuwirken, dass Lernschwierigkeiten in Mathematik gravierende negative Auswirkungen auf das Selbstbild und die Motivation eines Kindes haben, genügt es zwar nicht, bestimmte Wörter zu vermeiden. Dennoch sollte gut überlegt werden, in welcher Weise und mit welchen Begriffen man mit Kindern, die sich in Mathematik schwertun, über ihre Lernschwierigkeiten spricht. Begriffe wie „Rechenschwäche“ und „Rechenstörung“ halte ich dafür für unpassend. Zu oft schon sind mir in meiner langjährigen Förderarbeit Jugendliche begegnet, die mir erklärt haben, dass es aufgrund ihrer „Rechenstörung“ gar keinen Sinn habe, wenn ich versuchen wollte, mit ihnen das Dezimalsystem aufzuarbeiten oder ihnen nicht-zählende Strategien des Addierens zu vermitteln. Auch wenn es mir in solchen Fällen bislang stets gelungen ist, diese Jugendlichen dann doch für einen mathematischen Neuaufbau zu motivieren: Produktiv sind solche Selbstdeutungen auf Basis von Etikettierungen als „rechenschwach“ eher nicht.

- Lehrkräfte sollten den Kindern vielmehr durch Gespräche dabei helfen, ihre Schwierigkeiten mit der Mathematik sachlich einzuordnen: nicht als Schicksal, keinesfalls als Folge von mangelnder Intelligenz oder fehlendem Fleiß. Ihre Probleme resultieren daraus, dass sie bestimmte Grundlagen noch nicht erworben haben; an diesen muss daher gearbeitet werden, und dafür erhalten sie Unterstützung.
- Und darauf kommt es dann aber letztlich auch wirklich an: ob ein Kind mit Lernschwierigkeiten spürbare Hilfe beim Überwinden seiner Schwierigkeiten erhält und diese als wirksam erfährt. So wichtig mir erscheint, wie wir über Lernschwierigkeiten denken und über sie sprechen: überwinden können wir sie nur durch aktive, die Lernhierarchie der Mathematik beachtende, geduldige Lernunterstützung.
Konsequenzen für die Wahl der Worte
In Gesprächen mit Lehrkräften, die ich, wie mir zunächst schien, überzeugen konnte, dass wir nicht von „Rechenschwäche“ und „Dyskalkulie“ sprechen sollten, wurde ich abschließend wiederholt gefragt: Aber wie sollen wir diese Kinder denn sonst nennen?
Die Frage weckte bei mir dann doch Zweifel, ob ich mit meinen Argumenten erfolgreich war. Denn ich wollte und will ja gerade deutlich machen, dass es diese Kinder nicht gibt, soll heißen: dass es nicht einfach an den Kindern liegt, wenn sie Grundlegendes in der Mathematik nicht verstehen.
Ich kann nachvollziehen, dass es bequem ist, typische Schwierigkeiten, die uns im Unterricht immer wieder begegnen, als „Rechenschwäche“ zusammenzufassen. Vielleicht ist aber auch das, wie vieles, nur eine Frage von Übung und Gewohnheit?

In diesem Sinne plädiere ich dafür, dass Pädagoginnen und Pädagogen sich darin üben und daran gewöhnen, im Reden über mathematische Lernschwierigkeiten und davon betroffenen Kinder anstelle von problematischen Etiketten möglichst präzise Beschreibungen der konkreten Schwierigkeiten zu verwenden. Ich tue es seit Jahren, und komme sehr gut damit zurecht!
Literatur
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP). (2018). S3-Leitlinie: Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-046
Gaidoschik, M. (2025). Lernschwierigkeiten in Mathematik. Warum wir nicht von Rechenschwäche und Dyskalkulie sprechen und was wir ab dem Kindergarten tun sollten. Persen.
Gaidoschik, M., Fellmann, A., Guggenbichler, S., & Thomas, A. (2017). Empirische Befunde zum Lehren und Lernen auf Basis einer Fortbildungsmaßnahme zur Förderung nicht-zählenden Rechnens. Journal für Mathematik-Didaktik, 38(1), 93–124. DOI 10.1007/s13138-016-0110-8
Gaidoschik, M., Moser Opitz, E., Nührenbörger, M., & Rathgeb-Schnierer, E. (2021). Besondere Schwierigkeiten beim Mathematiklernen. Mitteilungen der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (111S).
Häsel-Weide, U., & Nührenbörger, M. (2023). Zahlenbuch 1. Förderkommentar Lernen. Klett.
Häsel-Weide, U., & Nührenbörger, M. (2024). Zahlenbuch 2. Förderkommentar Lernen. Klett.
Häsel-Weide, U., & Nührenbörger, M. (2025). Zahlenbuch 3. Förderkommentar Lernen. Klett.
Landerl, K., Vogel, St., & Kaufmann, L. (2022). Dyskalkulie. Ernst Reinhardt.
Wittmann, E. Ch. (2015). Das systemische Konzept von Mathe 2000+ zur Förderung „rechenschwacher“ Kinder. In H. Schäfer & Ch. Rittmeyer (Hrsg.), Handbuch Inklusive Diagnostik (S.199–213). Beltz.







Hinterlasse einen Kommentar