Lesediagnostik im Schulalltag: Der Potsdamer Lesetest
Neues Schuljahr – vielleicht sogar eine neue Klasse – und es stellt sich die Frage: In welchen Lernbereichen sind die Schülerinnen und Schüler ganz gut aufgestellt und in welchen Kompetenzen benötigen sie eine Förderung? Lesen ist ein besonders kritischer Lernbereich, weil der Lesekompetenz bei der Aneignung von Wissen und der Lösung von Aufgaben in fast allen Schulfächern eine wichtige Funktion zukommt. Allerdings ist es im Rahmen des regulären Unterrichts nicht einfach, sich ein Bild von der Lesekompetenz aller Schülerinnen und Schüler zu machen. Vorlesen vor der Klasse ist nur eingeschränkt möglich und belastet vor allem die schwächeren Leserinnen und Leser. Bei fehlendem Leseverständnis ist die Ursache oft nicht einfach zu ergründen.
Hier kann der Potsdamer Lesetest PLT – in der Printvariante oder in der digitalen Variante PLT smart – helfen, der in den Klassenstufen 1–4 sowohl das basale Lesen als auch das Leseverstehen von Grundschülerinnen und Grundschülern objektiv erfasst und bei schwächeren Leserinnen und Lesern Ansatzpunkte für eine gezielte Leseförderung gibt. Die Vergleichswerte (Normen) wurden in den letzten drei Monaten des jeweiligen Schuljahrs erhoben und insofern ist dies der bevorzugte Durchführungszeitraum für den Test. Aber: Auch die Durchführung zu Beginn des neuen Schuljahrs ist möglich, wenn man dies bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt. Genaueres dazu weiter unten; zunächst möchte ich den Potsdamer Lesetest für die 1. bis 4. Klasse kurz vorstellen:
Welche Lesekompetenzen erfasst der Test?
Beide Versionen, der PLT sowie der PLT smart, bestehen aus mehreren Teilen: Im ersten Teil steht mit einer Aufgabe zum Worterkennen (WE) das basale Lesen im Vordergrund. Hierbei sollen die Lernenden erkennen, ob das vorgegebene Wort ein Tierwort ist oder nicht. Der zweite Teil des Tests erfasst das Leseverstehen (LV), wobei für Textlücken das semantisch und grammatisch passende Wort gefunden werden muss (detaillierte Erläuterung der Aufgabe im Blogbeitrag zum PLT).
Die beiden Testteile sind standardisiert und normiert. Sie können durch weitere, teilweise qualitative Verfahren und Aufgaben (Zusatzaufgaben und Vertiefende Diagnostik) ergänzt werden, die u. a. das Aufgabenverständnis überprüfen (z. B. Zusatzaufgabe WE I) und die spezifischen Leseprobleme bei schwächeren Leserinnen und Lesern analysieren (Vertiefende Diagnostik s.u.).
Wann sollte der Test durchgeführt werden?
Für die Testteile Worterkennen (WE) und Leseverstehen (LV) liegen bundesweite Vergleichswerte (Normen) vor, die in den letzten drei Monaten des jeweiligen Schuljahrs erhoben wurden. Das bedeutet, dass die quantitativen Aussagen (z. B. T-Wert, Prozentrang) über die Lesekompetenz der von euch getesteten Schülerinnen und Schüler sich an den Leistungen orientieren, die von den Schülerinnen und Schülern der Normierungsstichprobe erbracht wurden. Entsprechend sollten der PLT bzw. der PLT smart auch innerhalb der letzten drei Monate im Schuljahr durchgeführt werden, um eine gute Vergleichbarkeit zu bieten. Im 1. Schuljahr ist es zudem aufgrund der steilen Lernkurve im Anfangsunterricht sinnvoll, den Test erst in den letzten 6 Wochen im Schuljahr einzusetzen.
Sind Abweichungen von diesem Zeitraum möglich?
Testdurchführung nach den Sommerferien zu Beginn des neuen Schuljahrs
Häufig wird die Frage gestellt, ob der PLT bzw. der PLT smart nicht auch nach den Sommerferien zu Beginn des neuen Schuljahrs eingesetzt werden kann. Die Antwort lautet: JA – aber mit Einschränkung!
Man wird nach den Sommerferien nicht genau den gleichen Testwert erwarten können wie vor den Ferien. Aber: Die genauen Testwerte können die Lesekompetenz ohnedies niemals ganz valide abbilden und werden deshalb immer mit einem Bereich angegeben, im dem der „wahre“ Testwert mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt (T-Wert-Band). Es ist eher unwahrscheinlich, dass sich die Kompetenz eines Kindes innerhalb weniger Wochen so drastisch verändert, dass der Testwert ganz aus diesem Bereich herausfällt und die Normen vom Ende des Schuljahres zu Beginn eines neuen gar nicht mehr nutzbar wären. Insofern sollte die Zuordnung zu einem Leistungsbereich auch zu diesem Testzeitpunkt durchaus noch valide sein.
Es ist allerdings gerade beim Lesen zu beachten, dass Kinder in den Sommerferien möglicherweise sehr unterschiedlich Gebrauch von dieser Kompetenz machen: Von vollständigen Abstinenzlern bis zu den „Leseratten“, die es wohl auch heute noch gibt.
Vor allem für die Nicht- und Wenig-Lesenden wären zwei bis drei Wochen Unterricht im neuen Schuljahr hilfreich, um das vor Ferienbeginn erreichte Lesevermögen wieder zu aktivieren – auch wenn sich damit der Abstand zum Normierungszeitraum weiter erhöht.
Generell gilt: Bei der Interpretation der Ergebnisse auf allen Lesekompetenzstufen sollte man sich der Abweichung vom Normierungszeitraum bewusst sein.
Testwiederholung später im Schuljahr
Später im Schuljahr kann es Situationen geben, in denen eine Wiederholung des PLT bzw. PLT smart sinnvoll ist, wenn er zuvor schon zum regulären Zeitpunkt durchgeführt wurde. Über eine Testwiederholung lassen sich Hinweise auf Veränderungen in der Lesekompetenz – z. B. nach einer Leseförderung – im Sinne einer Lernverlaufsdiagnostik ermitteln. Haben sich die Testwerte der einzelnen Schülerinnen und Schüler vom ersten zum zweiten Durchgang verändert? Eine Steigerung der individuellen Leseleistung vom ersten zum zweiten Testzeitpunkt ist in jedem Fall positiv zu bewerten. Ein Stagnieren oder gar ein negativer Trend erfordert eine kritische Reflexion der bisher umgesetzten Fördermaßnahme und ggf. eine Neuausrichtung der didaktischen und pädagogischen Maßnahmen. Die Ergebnisse zum zweiten Testzeitpunkt sind allerdings nur auf der Individualebene interpretierbar: Aufgrund der Zeitverschiebung zur Normierung des Tests kann die erbrachte Leseleistung nicht auf den normierten Skalen (T-Werte und Prozentränge) abgebildet werden.
Die vertiefende Diagnostik des PLT und PLT smart ist „zeitlos“
Keine zeitlichen Einschränkungen gibt es beim Einsatz der Vertiefenden Diagnostik des PLT und PLT smart, die primär mit qualitativen Methoden die spezifischen Leseprobleme bei schwächeren Leserinnen und Lesern analysiert und keine allgemeine Einstufung der Lesekompetenzen vornimmt. Bezogen auf das basale Lesen lässt sich z. B. überprüfen, ob ein Leseproblem primär auf einer noch unzureichenden Kenntnis der Graphem-Phonem-Korrespondenzen oder der Synthese der Phoneme beruht oder die Gliederung mehrsilbiger oder morphemisch komplexer Wörter noch nicht gelingt. Natürlich sind dies keine Alternativen, sondern eher Puzzleteile, die dazu beitragen, das Leseproblem eines Kindes zu verstehen.
Relevanz
Wie wichtig eine gute Lesediagnostik und die von ihr abgeleiteten Fördermaßnahmen sind, zeigen die von den Medien als „Schreckensmeldung“ verbreiteten Ergebnisse aus den großen Schulstudien, die derzeit tatsächlich eher nach unten zeigen. Aktuell: Bei VERA 2026 erreichten in Berlin 50% der Drittklässlerinnen und Drittklässler nicht den Mindeststandard im Lesen! Allerdings ist dabei auch der relativ hohe Anteil nicht deutscher Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern zu berücksichtigen, die neben dem Lesen eine sprachliche Förderung benötigen.
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