Grundschul-Blog
Gemeinsam Unterricht gestalten

Vielfalt und Kompromisse – Demokratiebildung in der Grundschule

Oft begegne ich als junger Lehrer im deutschen Bildungssystem Menschen, die der Meinung sind, ausgelernt zu haben. Doch genau das halte ich für einen Fehler. Der Wettstreit der Ideen, die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse, der gesellschaftliche Diskurs – all das sind Konstanten einer demokratischen Gesellschaft und müssen früh vermittelt werden. Mir ist bewusst, dass ich in einer 3. Klasse nicht damit einsteigen kann, das Parlaments- oder Wahlsystem im Detail zu erläutern. Dennoch lassen sich grundlegende demokratische Fähigkeiten, vor allem im Ethikunterricht, entwicklungsgerecht vermitteln.


Soziales Lernen bedeutet emotionales Lernen

Im ersten Teil meiner Unterrichtseinheit stand das Thema „Argumente“ im Mittelpunkt. Dabei sollten die Kinder verstehen, was Argumente sind und wie sie in einem Diskurs richtig eingesetzt werden können. Ich bin ein großer Fan von offenen Unterrichtseinstiegen. Die Bildung der Zukunft besteht meiner Meinung nach nicht aus Antworten, sondern vielmehr aus den richtigen Fragen. Deshalb schrieb ich groß das Wort „Argumente“ an die Tafel. Zu diesem manchen Kindern noch unbekannten Begriff wurde assoziativ gearbeitet. Die erste Aufgabe lautete also: „Findet spannende Fragen, mit denen wir herausfinden können, was Argumente sind!“. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese offene Aufgabe Spielraum in Bezug auf den Umfang zulässt und es keine „falschen“ oder „richtigen“ Fragen gibt. So reichen diese von „Was ist das?“ bis hin zu „Warum sind Argumente wichtig?“.

Demokratiebildung Auftakt Argumente

Fortschreitend werden alle Fragen notiert und anhand des Inputs der Schülerinnen und Schüler weitergearbeitet, bis jedes Kind für sich ein Verständnis vom Begriff erlangt hat. Digital lässt sich hier auf den Tablets einfach und schnell mit der „Notizen“-App arbeiten. Alle können in einer gemeinsamen Notiz, einer „Shared Note“, Fragen aufschreiben, eine Internet-Verbindung im Klassenzimmer vorausgesetzt.


Illustration Tafelfußball

In der analogen Praxis lässt sich eine diskursive Stunde durch an die Lerngruppe angepasste Ballspiele anschaulich gestalten. Eine Möglichkeit hierfür wäre ein Wurf-und-Fangspiel, bei dem sich die Lernenden den Ball hin und her spielen. Wer den Ball hat, darf sein Argument vortragen. Eine andere Möglichkeit für ein anschauliches Spiel zum Weiterdenken von Pro- und Kontra-Argumenten wäre der sogenannte „Tafelfußball“: Hierbei müssen jeweils drei Kinder das Argument des Vorgängers ergänzen, bekräftigen und untermauern, um ein starkes Argument in der Diskussion und ein „Tor“ im Spiel zu erzielen. Fällt einem Team kein bekräftigendes Argument oder Beispiel mehr ein, kann die gegnerische Mannschaft kontern und zurückschlagen. Dieses Spiel lässt sich an der Tafel durch ein aufgemaltes Feld und Magnete sowie auf dem Schulhof in größerem Format umsetzen.


Unabhängig von der Methodenwahl sollten jedoch klare Regeln und Grenzen eingeführt und eingefordert werden, denn Meinungen und Diskurse bieten stets auch Konfliktpotential. Es kann schon einmal hitzig werden, wenn zwei Ansichten aufeinandertreffen. Ein guter Klassendiskurs ist mitreißend, emotional aber auch sachlich und lehrreich. Da braucht es seitens der Lehrkraft vor allem Moderationskompetenzen. Hier verweise ich auf einen Beitrag der Universität Bayreuth, der die Kriterien für gute Moderation in folgendem Dokument zusammenfasst.

Eine lebhafte Diskussion braucht ein polarisierendes Thema. In meiner Stunde war es die Frage „Glaubst du an Gott?“. Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, entstand schnell ein emotionaler Diskurs. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass der Diskussionsgegenstand austauschbar ist. Ihr könnt hier ein fächerübergreifendes Thema wählen. Wichtig ist, dass die Kinder zunächst selbst einen Moment überlegen müssen, um sich zu fragen, was eigentlich die eigene Meinung ist und wodurch diese begründet wird. Beispiele aus vergangen Diskussionsrunden sind „Ist der Mensch gut?“, „Brauchen wir die Natur?“, „Ist Mathe wichtig?“, „Warum sollte man schreiben/lesen lernen?“.

Selbst mit dem besten Mediator ist damit zu rechnen, dass Tränen fließen und Kinder laut werden. Es ist wichtig, in diesen Momenten direkt in die Reflexion zu gehen und nachzufragen, warum das jeweilige Kind sich so fühlt. Was ist der gute Grund für die Emotionalität? Der Mythos, Unterricht sei nur dann guter Unterricht, wenn die Schülerinnen und Schüler leise seien und alles reibungslos klappe, ist weit verbreitet. Doch das ist nicht der Charakter diskursiver Stunden. Wahrhaftiges soziales Lernen bedeutet stets auch emotionales Lernen – und emotionales Lernen geht nicht ohne Impulsivität und Emotionalität.

Ähnlich wie eine tolle Serie endet eine Stunde für mich immer mit einem „Cliffhanger“. Ich beende die Diskussion also auf dem Höhepunkt und verrate den Kindern nicht das Thema für die kommende Stunde. Erfahrungsgemäß schürt das die Wissbegierde und Neugier. Wenn ich am Ende der Stunde den Raum verlasse und die Kinder untereinander in einem angemessenen Maß weiterdiskutieren, weiß ich, dass ich mein Ziel, die Kinder für den Austausch von Ideen zu begeistern, erreicht habe. Den Kindern meiner Klasse macht eine Diskussion mittlerweile so viel Spaß, dass sie sich einen Diskurs zu fast jedem Thema wünschen.


Kann man eine Debatte „gewinnen“? – Demokratiebildung durch Kompromissfindung

In der nächsten Unterrichtsstunde galt es nun, offenstehende Fragen der Kinder zu klären. Ziel sollte es sein, dass die Kinder lernen, Kompromisse zu finden, also Meinungen und Argumente zu fusionieren, um sich auf eine Lösung zu einigen, bei der alle sich bestmöglich einbringen können, auch wenn diese wohlmöglich nicht dem eigenen Standpunkt entspricht.

Zum Einstieg im Grundschulbereich eignet sich Schopenhauers Geschichte „Die Stachelschweine“, zum Beispiel aus dem Ethikmaterial „Wege finden 3/4“, in der sehr bildhaft dargestellt wird, dass es für die Stachelschweine weder gut ist, zu weit auseinander zu schlafen, weil ihnen dann kalt ist, noch zu nah aneinander gekuschelt zu sein, weil sie sich sonst gegenseitig wehtun. Sie suchen dann nach einer konstruktiven Lösung und finden schließlich den richtigen Abstand zueinander, in dem sie weder frieren noch sich gegenseitig verletzen.

Illustration Stachelschweine
Illustration Stachelschweine
Illustration Stachelschweine

So kommen wir schnell auf den Stundeninhalt „Kompromisse“ zu sprechen. Nach einer kurzen Reflexion der Geschichte bestand die Herausforderung darin, die Kinder an ein Gefühl zu gewöhnen, das uns Erwachsenen sehr gut bekannt sein dürfte: die innerliche Unzufriedenheit über demokratische Ergebnisse auszuhalten, während man simultan den gesellschaftlichen Vertrag zu erfüllen und zu akzeptieren hat. Denn nicht immer entsprechen die durch die Gruppe oder die Gesellschaft gefundenen Ergebnisse den eigenen Wünschen, Zielen und Vorstellungen. Zwischen der Individualmeinung und dem gefundenen gesellschaftlichen Kompromiss kann es gravierende Unterschiede geben. So unterscheidet sich die Meinung eines und einer jeder in der Gesellschaft manchmal gravierend von den Beschlüssen einzelner Parteien.

Dennoch wählen wir die Partei, in deren Zielen wir uns maximal wiederfinden, auch wenn diese nicht genau den eigenen Vorstellungen entsprechen. Die Beschlüsse einzelner Parteien fusionieren wiederum in einem Fraktionsbeschluss. Einzelne Fraktionsbeschlüsse werden kombiniert, um im Parlament die Mehrheit für eine Entscheidung zu finden. Meist kann man sicher sein, dass sich einzelne Individualmeinungen in diesen Parlamentsbeschlüssen nicht wirklich widerspiegeln, sind sie doch in der Regel kombinatorische Formulierungen, die demokratische Kompromisse darstellen und die Gesellschaft auf der Grundlage von Mehrheitsentscheidungen in die eine oder andere Richtung prägen sollen. Konstruktive Unzufriedenheit gehört genauso zur Demokratie wie Wahlen und Mehrheitsbeschlüsse. Sie ist Treiber von Diskursen, Motor des Fortschrittes und der Antrieb gesellschaftlicher Entwicklungen.


Basierend darauf habe ich für die Kinder eine provokante Übung entwickelt. Sie beginnt mit einer sehr einfachen Frage und endet meist in völliger Verweigerung, die es zu reflektieren gilt. Ich fragte: „Was ist eure Lieblingsfarbe?“.

Nun wollten wir die Lieblingsfarbe der Klasse finden, indem wir die einzelnen Lieblingsfarben der Schülerinnen und Schüler miteinander vermischten. Auf einer ersten Kompromissebene wurde demnach aus Gelb und Blau Grün. Aus Rot und Blau wurde Lila. Dies haben wir mehrfach mit allen Farben wiederholt, wobei die Kinder in den einzelnen Ebenen stets die Lieblingsfarbe wählen sollten, die ihnen persönlich am meisten gefiel.

Wenn ihr noch den Kunstunterricht aus der Grundschule im Kopf habt, werdet ihr euch sicherlich daran erinnern, dass unweigerlich die Farbe Braun entsteht, wenn man nur genügend Farben mischt. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird kein Kind diese Farbe zu Beginn der Übung als Lieblingsfarbe genannt haben. Dennoch stand nun das Ergebnis fest: Die „Lieblingsfarbe“ der Klasse war Braun, das war der gesellschaftlich-demokratische Beschluss der Klasse – ein Kompromiss, den es auszuhalten galt.

Ihr könnt euch vorstellen, dass die allermeisten Kinder davon nicht besonders begeistert waren. „LANGWEILIG!“, „Wie häääässslich!“ und „Ich wollte das nicht!“ wurde gerufen. Aber genau darin bestand der Lernzuwachs der Stunde: Die Meinung einer Gruppe muss nicht genau der eigenen entsprechen. Wichtig ist bloß, dass sich jeder und jede Einzelne eingebracht hat. Hätten sie das nicht getan, hätte dies das Ergebnis verändert, auch wenn die Veränderung nur minimal ausgefallen wäre.

Selbst wenn augenscheinlich die „Lieblingsfarbe“ der Klassengemeinschaft nun Braun ist, kann die eigene immer noch Gelb, Rot oder Pink sein. Diese Differenzierung zwischen Individualmeinung und dem Kompromiss der Mehrheit müssen die Kinder erst erlernen. Genauso wichtig ist die Erfahrung, innere Konflikte und Widersprüche äußern zu können, diese aber auszuhalten und gemeinschaftliche Lösungen, Beschlüsse und Kompromisse anzuerkennen.

Das passende Material findet ihr unter dem Beitrag zum Download.


13 Fragen Spielfeld

Darauf aufbauend habe ich nun einen zweiten Klassendiskurs eröffnet, diesmal aber mit der Aufgabe, Kompromisse zu finden. Dabei lässt sich die Kompromissfindung sehr gut veranschaulichen: Ich stellte die Kinder einfach weit auseinander und ließ sie für jeden Kompromissvorschlag einen Schritt aufeinander zugehen.

Es wäre auch möglich, mit Kreide eine Arena auf den Schulhof zu malen. Visuell kann man sich an dem bekannten Fernsehformat „13 Fragen“ des ZDF orientieren. Ein Quadrat, welches wiederum in kleinere Quadrate unterteilt wird, reicht dazu aus. Auch hier sollen die Kinder bis zur nächsten Linie gehen, wenn sie ein Argument der Gegenseite verstehen oder nachvollziehen können. Treffen die Kinder in der Mitte aufeinander, kann ein Kompromiss gefunden werden.

Ihr werdet erstaunt sein, wie kreativ die Kinder an Lösungsansätzen arbeiten. Am Ende gibt es oft viel zu lachen. Auch hier ist die Lehrkraft in der Moderationsfunktion.


Kinder an die Macht!

Demokratie bedeutet: Die Mehrheit bestimmt. Selten habe ich für eine Stunde so viel vorbereitet, aber am Ende nichts davon mit den Schülerinnen und Schülern umgesetzt. Warum genau, erkläre ich euch gerne.

In der letzten Stunde zum Thema Demokratiebildung sollten die Kinder lernen, dass sie Entscheidungen der Mehrheit zwar nicht gut finden müssen, diese aber unweigerlich mitzutragen haben. Oft ist das schwer für die Kinder, denn eigentlich haben sie gelernt, eigene Meinungen zu kommunizieren, zu begründen und Kompromisse zu finden. Nun sollte es aber um die Phase nach der Kompromissfindung gehen: das Akzeptieren von Kompromissen. Diese Akzeptanz bedeutet nicht, dass die Schülerinnen und Schüler keine Kritik mehr an den Lösungsansätzen äußern durften. Ziel war es lediglich, sie dazu zu motivieren, Gruppenentscheidungen zu akzeptieren, auch wenn diese der persönlichen Meinung entgegenstehen.

Illustration JA aus Menschen mit Nein-Schild

Deshalb habe ich die Klasse bestimmen lassen, was sie in dieser Stunde machen wollten. Ich stellte die Kinder vor binäre Entscheidungen. Schlug jemand einen Kompromiss aus beiden Möglichkeiten vor, wurde dieser auch in Betracht gezogen.

Da ich öfter auch unter freiem Himmel unterrichte, fing ich mit der Frage an: „Wollt ihr in dieser Stunde nach draußen auf den Schulhof gehen oder im Klassenraum bleiben?“.
Die Kinder entscheiden sich für den Schulhof. Als Nächstes fragte ich: „Wollt ihr euch bewegen oder nicht?“.
Die Mehrheit entschied: Bewegung ist angesagt. Als Letztes fragte ich: „Welches Spiel wollt ihr spielen?“
Es bestand zunächst die Auswahl zwischen Zweifelderball und Fangen. Die Kinder wollten keines von beiden, also schlugen sie einen Kompromiss vor, bei dem sie sich, anstatt sich mit der Hand anzutippen, abwerfen wollten. Der Prozess der Entscheidungsfindung dauerte etwa 20 Minuten. Am Ende spielten die Kinder in der restlichen Zeit das selbst erfundene Spiel auf dem Schulhof.

Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, musste ich jedoch auf jedes mögliche Wahlergebnis in dieser Stunde gefasst sein. Ich hatte viele Alternativen, von Arbeitsblättern im Raum bis hin zu Bewegungsspielen im Freien, vorbereitet. Am Ende ist es nichts davon geworden. Das ist aber auch in Ordnung so. Schließlich muss man die Entscheidung der Mehrheit mittragen – auch als Lehrkraft.

Andrei Vesa


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